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Inhaltsübersicht


Kapitel 1

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Vtrum difficilius aut maius esset negare tibi saepius idem roganti an efficere id quod rogares diu multumque, Brute, dubitavi. Nam et negare ei quem unice diligerem cuique me carissimum esse sentirem, praesertim et iusta petenti et praeclara cupienti, durum admodum mihi videbatur, et suscipere tantam rem, quantam non modo facultate consequi difficile esset sed etiam cogitatione complecti, vix arbitrabar esse eius qui vereretur reprehensionem doctorum atque prudentium.Lange bin ich sehr im Zweifel gewesen, ob es für mich schwieriger oder eine größere Aufgabe wäre, dir auf deine wiederholte Bitte eine ablehnende Antwort zu erteilen, oder deinen Wunsch zu erfüllen. Denn einerseits schien es mir so hart, einem, den ich vorzüglich liebe, dem auch ich, wie ich aus Erfahrung weiß, sehr wert bin, einen Wunsch zu versagen, zumal, wenn er Billiges verlangt und Treffliches damit erstrebt; andererseits glaubte ich, es sei kaum die Sache dessen, der den Tadel der wissenschaftlich gebildeten und der sachverständigen Männer fürchtet, sich einer Ausgabe zu unterziehen, die so groß ist, dass es nicht nur schwer gelingt, sie mit seinem Talent zu lösen, sondern auch nur sich eine erschöpfende Vorstellung davon zu entwerfen.
Vtrum difficilius aut maius esset negare tibi saepius idem roganti an efficere id quod rogares diu multumque, Brute, dubitavi. Nam et negare ei quem unice diligerem cuique me carissimum esse sentirem, praesertim et iusta petenti et praeclara cupienti, durum admodum mihi videbatur, et suscipere tantam rem, quantam non modo facultate consequi difficile esset sed etiam cogitatione complecti, vix arbitrabar esse eius qui vereretur reprehensionem doctorum atque prudentium.Lange bin ich sehr im Zweifel gewesen, ob es für mich schwieriger oder eine größere Aufgabe wäre, dir auf deine wiederholte Bitte eine ablehnende Antwort zu erteilen, oder deinen Wunsch zu erfüllen. Denn einerseits schien es mir so hart, einem, den ich vorzüglich liebe, dem auch ich, wie ich aus Erfahrung weiß, sehr wert bin, einen Wunsch zu versagen, zumal, wenn er Billiges verlangt und Treffliches damit erstrebt; andererseits glaubte ich, es sei kaum die Sache dessen, der den Tadel der wissenschaftlich gebildeten und der sachverständigen Männer fürchtet, sich einer Ausgabe zu unterziehen, die so groß ist, dass es nicht nur schwer gelingt, sie mit seinem Talent zu lösen, sondern auch nur sich eine erschöpfende Vorstellung davon zu entwerfen.
Quid enim est maius quam, cum tanta sit inter oratores bonos dissimilitudo, iudicare quae sit optima species et quasi figura dicendi? Quod quoniam me saepius rogas, aggrediar non tam perficiendi spe quam experiendi voluntate; malo enim, cum studio tuo sim obsecutus, desiderari a te prudentiam meam quam, si id non fecerim, benevolentiam.Denn was ist größer, als, während die Unähnlichkeit der guten Redner untereinander eine so bedeutende ist, darüber ein Urteil zu fällen, was das beste Bild und gleichsam das Ideal der Beredsamkeit sei! Da du mich aber öfter darum bittest, so will ich ans Werk gehen, nicht mit der Hoffnung, es glücklich durchzuführen, als vielmehr aus Bereitwilligkeit, einen Versuch zu machen. Es ist mir lieber, du vermisst meine Sachkenntnis, wenn ich deinem Wunsch willfahre, als meinen guten Willen, wenn ich es nicht tue.
Quaeris igitur idque iam saepius quod eloquentiae genus probem maxime et quale mihi videatur illud, quo nihil addi possit, quod ego summum et perfectissimum iudicem. In quo vereor ne, si id quod vis effecero eumque oratorem quem quaeris expressero, tardem studia multorum, qui desperatione debilitati experiri id nolent quod se assequi posse diffidant.Du fragst mich also, und zwar öfter, welcher Gattung der Beredsamkeit ich den meisten Beifall schenke, und wie nach meiner Ansicht die Beredsamkeit beschaffen sei, der nichts fehle, die ich für die höchste und vollkommenste erkläre. Hierbei fürchte ich, ich möchte, wenn ich das tue, was du verlangst und den Redner, den du suchst, darstelle, viele in ihrem Streben hemmen, welche durch Hoffnungslosigkeit entmutigt, nicht werden versuchen wollen, was sie erreichen zu können sich nicht zutrauen.
Sed par est omnis omnia experiri, qui res magnas et magno opere expetendas concupiverunt. Quod si quem aut natura sua [aut] illa praestantis ingeni vis forte deficiet aut minus instructus erit magnarum artium disciplinis, teneat tamen eum cursum quem poterit; prima enim sequentem honestum est in secundis tertiisque consistere. Nam in poetis non Homero soli locus est, ut de Graecis loquar, aut Archilocho aut Sophocli aut Pindaro, sed horum vel secundis vel etiam infra secundos;Allein, es ist billig, dass alle, welche nach großen und überaus wünschenswerten Zielen Verlangen tragen, sich in allem versuchen. Wenn es aber jemand etwa an hervorragenden geistigen Anlagen fehlt, oder wenn er in den Lehren der höheren Wissenschaften zu wenig unterrichtet ist, so möge er doch so weit vorwärts steuern, wie weit er vermag. Denn wenn jemand nach dem ersten Preis strebt, ist es auch ehrenvoll, beim zweiten oder dritten stehen zu bleiben. Denn auch bei den Dichtern behauptet nicht nur Homer, um von den Griechen zu reden, oder Archilochos, oder Sophokles, oder Pindar einen Platz, sondern auch die in zweiter Reihe auf sie folgen, ja, die noch tiefer stehen, als die Letzteren.
nec vero Aristotelem in philosophia deterruit a scribendo amplitudo Platonis, nec ipse Aristoteles admirabili quadam scientia et copia ceterorum studia restinxit.Und wahrlich, in der Philosophie schreckte die Erhabenheit des Plato den Aristoteles nicht vom Schreiben ab, und Aristoteles selbst unterdrückte nicht mit seiner bewundernswerten Kenntnis und Redefülle die Studien der übrigen.

Kapitel 2

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Nec solum ab optimis studiis excellentes viri deterriti non sunt, sed ne opifices quidem se ab artibus suis removerunt, qui aut Ialysi, quem Rhodi vidimus, non potuerunt aut Coae Veneris pulchritudinem imitari, nec simulacro Iovis Olympii aut doryphori statua deterriti reliqui minus experti sunt quid efficere aut quo progredi possent; quorum tanta multitudo fuit, tanta in suo cuiusque genere laus, ut, cum summa miraremur, inferiora tamen probaremus.Und nicht nur von den höheren Studien wurden ausgezeichnete Männer nicht abgeschreckt, sondern nicht einmal Künstler entzogen sich ihrer Kunst, wenn sie die Schönheit des Jalysus, welchen wir zu Rhodos gesehen haben, oder die der coischen Venus nicht nachbilden konnten. Auch wurden durch das Standbild des olympischen Zeus und durch die Statue des Doryphorus die übrigen nicht abgeschreckt, zu versuchen, was sie zu leisten und wie weit sie vorwärtszukommen vermöchten: So groß war ihre Menge, so groß der Ruhm eines jeden von ihnen in seiner Art, dass wir, während wir das Höchste bewundern, doch auch dem tiefer Stehenden Beifall schenken.
In oratoribus vero, Graecis quidem, admirabile est quantum inter omnis unus excellat; ac tamen, cum esset Demosthenes, multi oratores magni et clari fuerunt et antea fuerant nec postea defecerunt. Qua re non est cur eorum qui se studio eloquentiae dediderunt spes infringatur aut languescat industria; nam neque illud ipsum quod est optimum desperandum est et in praestantibus rebus magna sunt ea quae sunt optimis proxima.Bei den Rednern gar, ich meine die griechischen, ist es wunderbar, wie sehr einer vor allen hervorragt. Und dennoch, obgleich ein Demosthenes existiert hatte, hat es viele große und berühmte Redner gegeben, auch vorher waren solche vorhanden, und auch nachher fehlten sie nicht. Darum braucht die Hoffnung derjenigen, welche sich dem Studium der Beredsamkeit gewidmet haben, nicht geschwächt zu werden, noch der Fleiß zu ermatten. Denn einerseits soll man nicht daran verzweifeln, selbst das Beste zu erreichen, andererseits ist in vorzüglichen Dingen auch das groß, was dem Besten am nächsten ist.
Atque ego in summo oratore fingendo talem informabo qualis fortasse nemo fuit. Non enim quaero quis fuerit, sed quid sit illud, quo nihil esse possit praestantius, quod in perpetuitate dicendi non saepe atque haud scio an numquam, in aliqua autem parte eluceat aliquando, idem apud alios densius, apud alios fortasse rarius.Indem ich nun das Ideal eines Redners entwerfen will, werde ich ihn so darstellen, wie es vielleicht nie einen gegeben hat. Denn nicht frage ich, wer der vollkommene Redner war, sondern ich frage nach dem, was von nichts übertrossen werden könne, eine Vollkommenheit, die im ganzen Verlauf einer Rede nicht oft und ich möchte sagen, nie hervorleuchtet, wohl aber zuweilen in einem Teil, bei dem einen häufiger, bei dem anderen vielleicht seltener.
Sed ego sic statuo, nihil esse in ullo genere tam pulchrum, quo non pulchrius id sit unde illud ut ex ore aliquo quasi imago exprimatur; quod neque oculis neque auribus neque ullo sensu percipi potest, cogitatione tantum et mente complectimur. Itaque et Phidiae simulacris, quibus nihil in illo genere perfectius videmus, et eis picturis quas nominavi cogitare tamen possumus pulchriora;Ich behaupte aber, dass aus keinem Gebiet etwas so schön ist, dass es nicht von seinem Urbild übertroffen würde, wonach jenes, wie nach einem Antlitz gleichsam als Abbild dargestellt wird. Dieses Urbild kann weder mit den Augen, noch mit den Ohren, noch mit irgendeinem Sinn wahrgenommen werden, wir erfassen es nur mit dem Gedanken und im Geiste. Obwohl wir daher nichts Vollkommeneres in der Art sehen, als die Bildwerke des Phidias, können wir uns dennoch Schöneres als diese denken, ebenso auch Schöneres als die Gemälde, die ich erwähnt habe.
nec vero ille artifex cum faceret Iovis formam aut Minervae, contemplabatur aliquem e quo similitudinem duceret, sed ipsius in mente insidebat species pulchritudinis eximia quaedam, quam intuens in eaque defixus ad illius similitudinem artem et manum dirigebat.Und als jener Künstler das Bild des Jupiter oder der Minerva schuf, hat er wahrlich nicht jemanden genau betrachtet, um die Ähnlichkeit hervorzubringen, sondern in seinem eigenen Geiste ruhte ein gewisses, vorzügliches Bild (das Ideal) der Schönheit; indem er daraus hinschaute, und zwar mit festem Blick, richtete er seine Kunst und seine Hand darauf, dessen Ähnlichkeit zu erreichen.

Kapitel 3

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Vt igitur in formis et figuris est aliquid perfectum et excellens, cuius ad cogitatam speciem imitando referuntur eaque sub oculos ipsa [non] cadit, sic perfectae eloquentiae speciem animo videmus, effigiem auribus quaerimus.Wie es also in den Formen und Figuren etwas Vollkommenes und Hervorragendes gibt, aus dessen erdachte Gestaltung durch Nachahmung das Urbild übertragen ist, das aber selbst von keines Menschen Auge geschaut wird, ebenso schauen wir mit dem Geiste das Ideal vollkommener Beredsamkeit, mit den Ohren suchen wir die Nachbildung.
Has rerum formas appellat ideas ille non intellegendi solum sed etiam dicendi gravissimus auctor et magister Plato, easque gigni negat et ait semper esse ac ratione et intellegentia contineri;Diese Urbilder der Dinge nennt Plato, der bedeutendste Schöpfer und Meister nicht nur in der Philosophie, sondern auch in der Beredsamkeit, Ideen, und behauptet von ihnen, dass sie nicht entstehen, dass sie ewig seien und der Vernunft und dem Verstande angehören;
cetera nasci occidere fluere labi nec diutius esse uno et eodem statu.alles Übrige entstehe, gehe zugrunde, verfließe und schwinde hin und bleibe nicht lange in einem und demselben Zustande.
Quicquid est igitur de quo ratione et via disputetur, id est ad ultimam sui generis formam speciemque redigendum.Was also immer vernunftmäßig und methodisch untersucht werden soll, das muss auf die Urform seines Wesens, auf das Ideal zurückgeführt werden.
Ac video hanc primam ingressionem meam non ex oratoriis disputationibus ductam sed e media philosophia repetitam, et eam quidem cum antiquam tum subobscuram aut reprehensionis aliquid aut certe admirationis habituram.Ich sehe wohl ein, dass dieser mein erster Schritt, da er nicht von Erörterungen, wie sie dem Redner zukommen, hergeleitet, sondern unmittelbar aus der Philosophie entnommen ist, und zwar aus einer sowohl alten als [auch] etwas dunklen Philosophie, einigen Tadel oder wenigstens Verwunderung hervorrufen wird.
Nam aut mirabuntur quid haec pertineant ad ea quae quaerimus—quibus satis faciet res ipsa cognita, ut non sine causa alte repetita videatur—aut reprehendent, quod inusitatas vias indagemus, tritas relinquamus.Denn entweder werden sie nicht begreifen, welche Beziehung dieses zum Gegenstand unserer Aufgabe hat — diese jedoch wird die nähere Kenntnis der Sache befriedigen, sodass es ihnen alsdann nicht mehr ohne Grund so tief ausgeholt scheinen dürfte — oder sie werden tadeln, dass ich ungewohnte Wege aussuche und die häufig betretenen Wege verlasse.
Ego autem et me saepe nova videri dicere intellego, cum pervetera dicam sed inaudita plerisque, et fateor me oratorem, si modo sim aut etiam quicumque sim, non ex rhetorum officinis sed ex Academiae spatiis exstitisse;Ich aber weiß, dass es oft schien, als sagte ich Neues, während ich doch ganz Altes sagte, das aber von den meisten noch nicht gehört wurde; andererseits bekenne ich, dass ich als Redner, wenn ich einer bin, oder was ich immer auch sein mag, nicht aus den Werkstätten der Rhetoren, sondern aus den Spaziergängen der Akademie hervorgegangen bin.
illa enim sunt curricula multiplicium variorumque sermonum, in quibus Platonis primum sunt impressa vestigia.Das sind nämlich Rennbahnen (Übungsplätze) für vielfache und verschiedene Reden. Zuerst wurden Platos Fußspuren dort eingedrückt;
Sed et huius et aliorum philosophorum disputationibus et exagitatus maxime orator est et adiutus;aber sowohl durch seine als durch anderer Philosophen Untersuchungen wurde vorzugsweise der Redner angeregt und gefördert.
omnis enim ubertas et quasi silva dicendi ducta ab illis est nec satis tamen instructa ad forensis causas, quas, ut illi ipsi dicere solebant, agrestioribus Musis reliquerunt.Denn der ganze reiche Stoff und gewissermaßen das Baumaterial der Rede ist von ihnen entnommen, aber freilich nicht hinlänglich für die Verhandlungen aus dem Forum zugerüstet, welche sie, wie sie selbst zu sagen pflegten, den größeren Musen überließen.
Sic eloquentia haec forensis spreta a philosophis et repudiata multis quidem illa adiumentis magnisque caruit, sed tamen ornata verbis atque sententiis iactationem habuit in populo nec paucorum iudicium reprehensionemque pertimuit: ita et doctis eloquentia popularis et disertis elegans doctrina defuit.So entbehrte denn zwar diese öffentliche Beredsamkeit, von den Philosophen verschmäht und zurückgewiesen, vieler und wichtiger Hilfsmittel; allein sie konnte sich dennoch durch ihren Schmuck in Worten und Gedanken bei dem Volke geltend machen und fürchtete nicht das Urteil und den Tadel der wenigen. So fehlte es denn den Gelehrten an volkstümlicher Beredsamkeit und den Rednern an feiner Bildung.

Kapitel 4

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Positum sit igitur in primis, quod post magis intellegetur, sine philosophia non posse effici quem quaerimus eloquentem, non ut in ea tamen omnia sint, sed ut sic adiuvet ut palaestra histrionem;Zuerst sei also der Satz festgestellt, den man später noch mehr begreifen wird, dass ohne Philosophie ein Redner, wie wir ihm suchen (im Auge haben), nicht gebildet werden kann, nicht so zwar, dass in ihr alles enthalten wäre, sondern so, dass sie ihn in der Art fördere, wie die Ringschule den Schauspieler;
parva enim magnis saepe rectissime conferuntur.es lässt sich nämlich oft Kleines ganz richtig mit Großem vergleichen.
Nam nec latius atque copiosius de magnis variisque rebus sine philosophia potest quisquam dicere; — si quidem etiam in Phaedro Platonis hoc Periclem praestitisse ceteris dicit oratoribus Socrates, quod is Anaxagorae physici fuerit auditor; a quo censet eum, cum alia praeclara quaedam et magnifica didicisse tum uberem et fecundum fuisse gnarumque, quod est eloquentiae maximum, quibus orationis modis quaeque animorum partes pellerentur;Denn niemand kann etwas ausführlich und wortreich über wichtige und mannigfache Gegenstände ohne Philosophie sprechen, wie denn auch Sokrates im Phädrus des Plato sagt, dass habe sich deshalb vor den übrigen Rednern ausgezeichnet, weil er ein Zuhörer des Physikers Anaxagoras gewesen sei, er behauptet, er habe durch ihn, außerdem dass er gewisse andere herrliche und erhabene Dinge gelernt, Reichtum und Fülle der Rede erlangt, und, was das wichtigste in der Beredsamkeit ist, die Kenntnis, durch welche Arten des Ausdrucks die verschiedenen Seiten des Gemüts erregt werden.
uod idem de Demosthene existimari potest, cuius ex epistulis intellegi licet quam frequens fuerit Platonis auditor;—Dasselbe kann auch von Demosthenes geurteilt werden, aus dessen Briefen man wahrnehmen kann, wie fleißig er den Plato gehört hat
— nec vero sine philosophorum disciplina genus et speciem cuiusque rei cernere neque eam definiendo explicare nec tribuere in partis possumus nec iudicare quae vera quae falsa sint neque cernere consequentia, repugnantia videre, ambigua distinguere. Quid dicam de natura rerum, cuius cognitio magnam orationi suppeditat copiam, de vita, de officiis, de virtute, de moribus? Satisne sine multa earum ipsarum rerum disciplina aut dici aut intellegi potest?Auch können wir wirklich ohne den Unterricht der Philosophie weder Gattung noch Art eines jeden Gegenstandes unterscheiden, noch denselben durch Begriffsbestimmung erklären, noch einteilen, noch beurteilen, was wahr und falsch sei, noch die Folgerungen erkennen, Widersprüche wahrnehmen, Zweideutigkeiten unterscheiden. Und was könnte man vom Wesen der Dinge, dessen Kenntnis einen reichen Redestoff darbietet, vom Leben, von den Pflichten, von der Tugend, vom Charakter ohne reiche Kenntnis aller dieser Dinge sagen oder verstehen?

Kapitel 5

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Ad has tot tantasque res adhibenda sunt ornamenta innumerabilia; quae sola tum quidem tradebantur ab eis qui dicendi numerabantur magistri; quo fit ut veram illam et absolutam eloquentiam nemo consequatur, quod alia intellegendi alia dicendi disciplina est et ab aliis rerum ab aliis verborum doctrina quaeritur.Zu diesen so vielen und so wichtigen Gegenständen müssen noch unzählige andere Ausstattungen hinzukommen, welche früher nur von denjenigen vorgetragen wurden, welche man für Lehrer der Beredsamkeit hielt. Daher kommt es, dass niemand jene wahre und vollkommene Beredsamkeit erreichte, weil die Kunst des Denkens eine andere, die des Redens eine andere ist, und die Lehre von den Sachen bei den einen, die von den Worten bei den andern gesucht wird.
Itaque M. Antonius, cui vel primas eloquentiae patrum nostrorum tribuebat aetas, vir natura peracutus et prudens, in eo libro quem unum reliquit disertos ait se vidisse multos, eloquentem omnino neminem.Darum sagt Marcus Antonius, dem die Zeit unserer Väter die erste Rolle in der Beredsamkeit zuerkannte, ein von Natur sehr scharfsinniger und einsichtsvoller Mann, in dem einzigen Buch, welches er uns hinterlassen hat, er habe viele beredte Männer, aber durchaus keinen Redner gesehen.
Insidebat videlicet in eius mente species eloquentiae, quam cernebat animo, re ipsa non videbat.Es wohnte nämlich in seinem Innern ein Ideal der Beredsamkeit, welches er im Geiste schaute, in der Wirklichkeit aber nicht sah.
Vir autem acerrimo ingenio—sic enim fuit—multa et in se et in aliis desiderans neminem plane qui recte appellari eloquens posset videbat;Scharfsinnigen Geistes, wie er war, vermisste er vieles an sich und an anderen, und sah also niemanden, den man mit Recht hätte einen Redner nennen können.
quod si ille nec se nec L. Crassum eloquentem putavit, habuit profecto comprehensam animo quandam formam eloquentiae, cui quoniam nihil deerat, eos quibus aliquid aut plura deerant in eam formam non poterat includere.Wenn er so weder sich noch Lucius Crassus für einen Redner gehalten hat, so trug er sicherlich ein gewisses Urbild der Beredsamkeit in seinem Geiste, und weil diesem nichts fehlte, so konnte er diejenigen, welchen etwas oder mehreres fehlte, nicht in dieses Ideal hineinbringen (nicht als Abbild dieses Ideals erkennen).
Investigemus hunc igitur, Brute, si possumus, quem numquam vidit Antonius aut qui omnino nullus umquam fuit;Suchen wir also, mein Brutus, wenn wir es können, diesen Redner zu finden, den Antonius nie gesehen hat, oder der überhaupt nie vorhanden gewesen ist;
quem si imitari atque exprimere non possumus, quod idem ille vix deo concessum esse dicebat, at qualis esse debeat poterimus fortasse dicere.und wenn wir es auch nicht vermögen, ihm nachzuahmen und ihn anschaulich darzustellen (ihn zu erreichen), was, wie derselbe Antonius sagte, kaum einem Gott gestattet ist, so werden wir doch vielleicht sagen können, wie er beschaffen sein müsse.
Tria sunt omnino genera dicendi, quibus in singulis quidam floruerunt, peraeque autem, id quod volumus, perpauci in omnibus.Es gibt im Ganzen drei Redegattungen. In jeder Einzelnen derselben haben sich manche ausgezeichnet; gleichmäßig aber in allen — und gerade darum ist es uns doch zu tun — nur sehr wenige.
Nam et grandiloqui, ut ita dicam, fuerunt cum ampla et sententiarum gravitate et maiestate verborum, vehementes varii, copiosi graves, ad permovendos et convertendos animos instructi et parati—quod ipsum alii aspera tristi horrida oratione neque perfecta atque conclusa consequebantur, alii levi et structa et terminata—, et contra tenues acuti, omnia docentes et dilucidiora, non ampliora facientes, subtili quadam et pressa oratione limati; in eodemque genere alii callidi, sed impoliti et consulto rudium similes et imperitorum, alii in eadem ieiunitate concinniores, id est faceti, florentes etiam et leviter ornati.Denn es hat sozusagen feierlich Redende gegeben mit großer Bedeutsamkeit der Gedanken und Majestät des Ausdrucks, stürmisch, vielseitig, wortreich, würdevoll, gerüstet und ausgestattet, die Gemüter zu erschüttern und für sich zu gewinnen — und unter diesen bedienen sich einige eines rauhen, widrigen, schmucklosen Ausdrucks ohne Vollendung und Abrundung. Andere sprechen in glatter, wohlgebauter, abgerundeter Rede — und auf der anderen Seite gab es feine Redner, scharfsinnige, die alles lehrhaft und deutlich, aber nicht glänzend darstellten, mit einer gewissen gedrängten und schmucklosen Rede, welche die Feile verrät. Und eben in dieser Gattung sind einige sachverständig, aber ohne Glätte und mit Absicht wie ohne Bildung und Erfahrung; andere bei gleicher Nüchternheit gefälliger, das heißt fein, selbst blühend und mit leichtem Schmuck.

Kapitel 6

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Est autem quidam interiectus inter hos medius et quasi temperatus nec acumine posteriorum nec fulmine utens superiorum, vicinus amborum, in neutro excellens, utriusque particeps vel utriusque, si verum quaerimus, potius expers;Zwischen diesen beiden steht eine Art Redner in der Mitte, die gleichsam eine Art Mischung von beiden ist, sie hat weder die Schärfe der Letzteren noch den Redefluss der Ersten, ist beiden nahe, in keiner von beiden Arten hervorragend, beiden teilhaftig, oder vielmehr, wenn wir die Wahrheit suchen, ohne Anteil an beiden.
isque uno tenore, ut aiunt, in dicendo fluit nihil adferens praeter facilitatem et aequabilitatem aut addit aliquos ut in corona toros omnemque orationem ornamentis modicis verborum sententiarumque distinguit.Seine Rede fließt in einem Zuge, wie man zu sagen pflegt, dahin, nichts darbietend, außer Leichtigkeit und Gleichmäßigkeit, oder er bringt einige Verzierungen wie Schleifen in einem Kranz an, und stattet die ganze Rede aus durch mäßigen Schmuck in Wort und Gedanken.
Horum singulorum generum quicumque vim in singulis consecuti sunt, magnum in oratoribus nomen habuerunt.Alle, die in einer einzelnen dieser Gattung Tüchtigkeit erlangten, haben unter den Rednern einen großen Namen gefunden.
Sed quaerendum est satisne id quod volumus effecerint.Aber wir müssen untersuchen, ob sie das, was wir vor Augen haben, hinreichend geleistet haben.

Kapitel 7

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Videmus enim fuisse quosdam qui idem ornate et graviter, idem versute et subtiliter dicerent.Wir sehen, daß es manche gegeben hat, welche zugleich mit Schmuck und Würde, wie mit Gewandtheit und Feinheit sprachen.
Atque utinam in Latinis talis oratoris simulacrum reperire possemus!Ich wünschte, wir könnten unter den Lateinern das Abbild eines solchen Redners finden.
Esset egregium non quaerere externa, domesticis esse contentos.Es wäre vortrefflich, nicht erst im Ausland suchen zu müssen, uns mit den Einheimischen zu begnügen.
Sed ego idem, qui in illo sermone nostro qui est eitus in Bruto multum tribuerim Latinis, vel ut hortarer alios vel quod amarem meos, recordor longe omnibus unum me anteferre Demosthenem, quem velim accommodare ad eam quam sentiam eloquentiam, non ad eam quam in aliquo ipse cognoverim.Aber obgleich ich in jenem unserm Gespräch, das im Brutus dargelegt ist, den Lateinern viel eingeräumt habe, teils um andere zu ermuntern, teils weil ich meine Landsleute liebe, so erinnere ich mich doch, dass ich zugleich den Demosthenes vor allen anderen vorgezogen, dass ich ihn mit der Beredsamkeit als übereinstimmend dargestellt habe, die ich mir als Ideal denke, nicht mit der, die ich selbst bei irgendeinem wahrgenommen habe.
Hoc nec gravior exstitit quisquam nec callidior nec temperatior.Niemand war in der Rede würdevoller, niemand geschickter, niemand maßvoller als er.
Itaque nobis monendi sunt ei quorum sermo imperitus increbruit, qui aut dici se desiderant Atticos aut ipsi Attice volunt dicere, ut mirentur hunc maxime, quo ne Athenas quidem ipsas magis credo fuisse Atticas;Darum müssen wir diejenigen, deren einfältiger Rednerstil überhand genommen hat, die das Streben haben, für attisch zu gelten, oder wirklich attisch reden wollen, ermahnen, dass sie ihn vorzugsweise bewundern, der, wie ich glaube, selbst von Athen im Attizismus nicht übertroffen worden ist.
quid enim sit Atticum discant eloquentiamque ipsius viribus, non imbecillitate sua metiantur.Denn von ihm mögen sie lernen, was attisch ist, und an die Beredsamkeit nicht den Maßstab ihrer eigenen Schwäche, sondern den der Kraft des Demosthenes anlegen.
Nunc enim tantum quisque laudat quantum se posse sperat imitari.Denn jetzt lobt jeder nur so viel, wie er hofft, nachahmen zu können.
Sed tamen eos studio optimo iudicio minus firmo praeditos docere quae sit propria laus Atticorum non alienum puto.Da sie jedoch das beste Streben haben und nur mit einer weniger tüchtigen Urteilskraft begabt sind, halte ich es nicht für unzweckmäßig, sie zu belehren, worin der eigentümliche Ruhm der Attiker besteht.

Kapitel 8

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Semper oratorum eloquentiae moderatrix fuit auditorum prudentia.Immer ist die Einsicht der Zuhörer für die Beredsamkeit der Redner maßgebend gewesen.
Omnes enim qui probari volunt voluntatem eorum qui audiunt intuentur ad eamque et ad eorum arbitrium et nutum totos se fingunt et accommodant.Denn alle, welche Beifall finden wollen, sehen auf das, was die Zuhörer wünschen, und bilden und bequemen sich ganz nach diesem Wunsche und nach ihrem Willen und Wink.
Itaque Caria et Phrygia et Mysia, quod minime politae minimeque elegantes sunt, asciverunt aptum suis auribus opimum quoddam et tamquam adipatae dictionis genus, quod eorum vicini non ita lato interiecto mari Rhodii numquam probaverunt [Graecia autem multo minus], Athenienses vero funditus repudiaverunt;So hat Karien, Phrygien und Mysien, weil diese am wenigsten gefeilt und geschmackvoll sind, eine ihrem Ohre zusagende, ich möchte sagen überladene und plumpe Ausdrucksweise angenommen, welcher die Rhodier, ihre Nachbarn, da nur ein nicht sehr breiter Meeresarm sie trennt, nie Beifall schenkten, die Griechen noch weit weniger;
quorum semper fuit prudens sincerumque iudicium, nihil ut possent nisi incorruptum audire et elegans.die Athener aber verwarfen sie ganz und gar, denn ihr Urteil war immer so verständig und gesund, dass sie nichts hören konnten, was nicht rein und geschmackvoll war.
Eorum religioni cum serviret orator, nullum verbum insolens, nullum odiosum ponere audebat.Indem sich nun der Redner nach ihrer Bedächtigkeit richtete, wagte er es nicht, ein ungewöhnliches und anstößiges Wort zu gebrauchen.
Itaque hic, quem praestitisse diximus ceteris, in illa pro Ctesiphonte oratione longe optima summissius a primo, deinde, dum de legibus disputat, pressius, post sensim incendens iudices, ut vidit ardentis, in reliquis exsultavit audacius.Und so fängt der Redner, der nach meiner Behauptung sich vor den übrigen auszeichnete, in jener Rede für den Ktesiphon, die bei weitem die beste ist, gelassen an, dann, während er über die Gesetze spricht, wird der Ausdruck gedrängter, dann erhebt er sich nach und nach zu rascherem Gang, und sobald er die Richter in Flammen sieht, lässt er sich im Folgenden mit größerer Kühnheit aus.
Ac tamen in hoc ipso diligenter examinante verborum omnium pondera reprehendit Aeschines quaedam et exagitat inludensque dura odiosa intolerabilia esse dicit;Und dennoch tadelt Aeschines selbst an ihm, der doch das Gewicht aller Worte so sorgsam abwägt. Manches greift er heftig an, nennt es abscheulich, anstößig, unerträglich;
quin etiam quaerit ab ipso, cum quidem eum beluam appellat, utrum illa verba an portenta sint;ja er fragt ihn sogar, indem er ihn noch dazu eine Bestie nennt, ob das Worte oder Missgeburten wären;
ut Aeschini ne Demosthenes quidem videatur Attice dicere.sodass nach der Meinung des Aeschines selbst Demosthenes nicht attisch spricht.
Facile est enim verbum aliquod ardens, ut ita dicam, notare idque restinctis iam animorum incendiis inridere. Itaque se purgans iocatur Demosthenes: negat in eo positas esse fortunas Graeciae, hocine an illo verbo usus sit, hucine an illuc manum porrexerit.Denn es ist leicht, ein sozusagen im Feuer der Rede gesprochenes Wort sich zu merken und, nachdem sich die Erhitzung (das Feuer) der Gemüter wieder gelegt hat, zu verspotten. Deshalb scherzt auch Demosthenes, während er sich rechtfertigt, indem er behauptet, nicht darauf beruhe Griechenlands Glück, ob er dieses oder jenes Wort gebraucht, hierhin oder dorthin die Hand ausgestreckt habe.
Quonam igitur modo audiretur Mysus aut Phryx Athenis, cum etiam Demosthenes exagitetur ut putidus?Wie würde man also einen Myser ober Phryger in Athen anhören, da selbst Demosthenes als geziert getadelt wird?
Cum vero inclinata ululantique voce more Asiatico canere coepisset, quis eum ferret aut potius quis non iuberet auferri?Wenn er nun gar nach asiatischer Weise mit hohler und heulender Stimme zu singen anfinge, wer würde ihn ertragen, wer würde ihn nicht vielmehr zu entfernen befehlen?

Kapitel 9

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Ad Atticorum igitur auris teretes et religiosas qui se accommodant, ei sunt existimandi Attice dicere.Die also, muss man glauben, sprechen in attischer Weise, welche sich nach dem feinen und zarten Ohr der Attiker richten.
Quorum genera plura sunt;es gibt aber viele Arten Attiker.
hi unum modo quale sit suspicantur.Die sich bei uns so nennen, haben nur von einer einzigen eine Vermutung, wie sie beschaffen sei.
Putant enim qui horride inculteque dicat, modo id eleganter enucleateque faciat, eum solum Attice dicere.Sie glauben nämlich, wer rauh und schmucklos spricht, wenn er das nur mit Geschmack und in Deutlichkeit tut, der allein spreche attisch.
Errant, quod solum; quod Attice, non falluntur.Sie irren darin, dass sie ihn allein für einen Attiker halten, darin aber täuschen sie sich nicht, dass er zu den Attikern gehört.
Istorum enim iudicio, si solum illud est Atticum, ne Pericles quidem dixit Attice, cui primae sine controversia deferebantur;Denn wenn nur dieses attisch ist, so hat nach ihrem Urteil nicht einmal Perikles attisch gesprochen, dem doch ohne Widerrede die erste Stelle zuerkannt wurde;
qui si tenui genere uteretur, numquam ab Aristophane poeta fulgere tonare permiscere Graeciam dictus esset.hätte sich dieser der schlichten Redegattung bedient, so würde der Dichter Aristophanes nicht von ihm gesagt haben, "er blitze, donnere, verwirre ganz Griechenland.
Dicat igitur Attice venustissimus ille scriptor ac politissimus Lysias—quis enim id possit negare? —, dum intellegamus hoc esse Atticum in Lysia, non quod tenuis sit atque inornatus, sed quod [non] nihil habeat insolens aut ineptum;Geben wir also zu, dass jener sehr anmutige und sehr gefeilte Schriftsteller Lysias ein attischer Redner gewesen sei, wenn wir nur einsehen, dass sein Attizismus nicht darin besteht, dass er schlicht und schmucklos spricht, sondern dass sich nichts Ungebräuchliches und Geschmackloses bei ihm findet;
ornate vero et graviter et copiose dicere aut Atticorum sit aut ne sit Aeschines neve Demosthenes Atticus.mit Schmuck aber und mit Würde und in reicher Fülle zu reden, muss entweder attisch sein, oder es waren weder Demosthenes noch Aeschines attische Redner.
Ecce autem aliqui se Thucydidios esse profitentur: novum quoddam imperitorum et inauditum genus.Da gibt es nun gar einige, welche erklären, Schüler des Thukydides zu sein, eine neue, noch nicht gehörte Gattung Unkundiger.
Nam qui Lysiam sequuntur, causidicum quendam sequuntur non illum quidem amplum atque grandem, subtilem et elegantem tamen et qui in forensibus causis possit praeclare consistere.Denn diejenigen, welche dem Lysias nachstreben, diese schließen sich doch wenigstens einem Rechtsredner an, der zwar kein erhabener und großartiger, aber doch sein und geschmackvoll ist, und der seinen Platz in Rechtsstreitigkeiten auf dem Forum vortrefflich behaupten kann.
Thucydides autem res gestas et bella narrat et proelia, graviter sane et probe, sed nihil ab eo transferri potest ad forensem usum et publicum.Thukydides aber erzählt Begebenheiten, schildert Kriege und Schlachten, allerdings würdevoll und richtig; aber für den Gebrauch der Gerichts- und Staatsreden lässt sich von ihm nichts entnehmen.
Ipsae illae contiones ita multas habent obscuras abditasque sententias vix ut intellegantur; quod est in oratione civili vitium vel maximum.Ja, seine Reden selbst haben so viele dunkle und tief liegende Gedanken, dass sie kaum verstauben werden, und das ist in einer Staatsrede so gar der größte Fehler.
Quae est autem in hominibus tanta perversitas, ut inventis frugibus glande vescantur?Wie groß wäre aber die Verkehrtheit bei den Menschen, wenn sie Eicheln essen wollten, nachdem der Getreidebau erfunden worden ist?
An victus hominum Atheniensium beneficio excoli potuit, oratio non potuit?Oder konnte etwa nur die Lebensweise der Menschen durch das Verdienst der Athener, und nicht auch die Rede derselben veredelt werden?
Quis Porro umquam Graecorum rhetorum a Thucydide quicquam duxit?Ferner, wer hat je unter den griechischen Rhetoren etwas von Thukydides entlehnt?
At laudatus est ab omnibus.Aber (sagt man), er wird doch von allen gelobt!
Fateor;Ich gestehe das zu;
sed ita ut rerum explicator prudens severus gravis; non ut in iudiciis versaret causas, sed ut in historiis bella narraret;aber doch als einer, der die Begebenheiten einsichtsvoll, gewissenhaft und mit Würde darstellt, nicht so, dass er vor Gericht Prozesse führte, sondern dass er in seinen Geschichtsbüchern Kriege schildert.
itaque numquam est numeratus orator, nec vero, si historiam non scripsisset, nomen eius exstaret, cum praesertim fuisset honoratus et nobilis.Daher ist er auch nie unter die Redner gerechnet worden, und gewiss würde, wenn er sein Geschichtswerk nicht geschrieben hätte, sein Name nicht erhalten sein, und das, obgleich er geachtet und von angesehener Herkunft gewesen ist.
Huius tamen nemo neque verborum neque sententiarum gravitatem imitatur, sed cum mutila quaedam et hiantia locuti sunt, quae vel sine magistro facere potuerunt, germanos se putant esse Thucydidas.Niemand aber (unter ihnen) ahmt seine Tiefe in Worten und Gedanken nach, sondern sie glauben, wenn man in verstümmelten schlecht gefügten Sätzen spricht, was man sogar ohne Lehrmeister tun kann, dann sei man ein echter Thukydides.
Nactus sum etiam qui Xenophontis similem esse se cuperet, cuius sermo est ille quidem melle dulcior, sed a forensi strepitu remotissimus.— Ich habe sogar schon einen Redner angetroffen, welcher dem Xenophon ähnlich zu sein wünschte, dessen Sprache zwar wirklich süßer als Honig, aber von dem Getöse des Forums (von dem unruhigen Treiben aus dem Forum) weit entfernt ist.
Referamus nos igitur ad eum quem volumus incohandum et ea demum eloquentia informandum quam in nullo cognovit Antonius.Gehen wir nun wieder zu unserem Vorhaben zurück, von Grund aus das Bild eines Redners zu entwerfen, und zwar von einer solchen Beredsamkeit, wie sie Antonius bei keinem kennen gelernt hat.

Kapitel 10

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Magnum opus omnino et arduum, Brute, conamur;Es ist ein durchaus großes und beschwerliches Unternehmen, mein Brutus;
sed nihil difficile amanti puto.aber dem Liebenden, glaube ich, ist nichts schwierig.
Amo autem et semper amavi ingenium studia mores tuos.Ich liebe aber und habe immer geliebt, deine Sinnesweise, deine Bestrebungen und deinen Charakter;
Incendor porro cotidie magis non desiderio solum, quo quidem conficior, congressus nostros, consuetudinem victus, doctissimos sermones requirens tuos, sed etiam incredibili fama virtutum admirabilium, quae specie dispares prudentia coniunguntur.mit jedem Tage werde ich mehr entflammt, nicht nur durch die mich ausreibende Sehnsucht, indem ich unsere Zusammenkünfte, die gemeinsame Lebensgewohnheit, deine wissenschaftlichen Gespräche zurückwünsche, sondern auch durch den unglaublichen Ruf deiner bewundernswürdigen Tugenden, die ihrer Art nach so verschieden, durch deine Weltklugheit miteinander vereinigt werden.
Quid enim tam distans quam a severitate comitas?Was steht nämlich einander so fern als Milde und Strenge?
Quis tamen umquam te aut sanctior est habitus aut dulcior?Und wer ist dennoch je für sittlich strenger und andererseits für sanfter gehalten worden, als du?
Quid tam difficile quam in plurimorum controversiis diiudicandis ab omnibus diligi?Was ist so schwierig, als wenn man die Streitigkeiten vieler Menschen zu entscheiden hat, von allen geliebt zu werden?
Consequeris tamen ut eos ipsos quos contra statuas aequos placatosque dimittas.Du aber erreichst es, selbst die, gegen welche du entscheidest, zufrieden und versöhnt zu entlassen.
Itaque efficis ut, cum gratiae causa nihil facias, omnia tamen sint grata quae facis.So bringst du es dahin, dass alles, was du tust, beliebt ist, während du nichts in der Absicht tust, dir Gunst zu verschaffen.
Ergo omnibus ex terris una Gallia communi non ardet incendio;So ist Gallien von allen Ländern das einzige, welches nicht vom allgemeinen Brande ergriffen ist.
in qua frueris ipse te, cum in Italiae luce cognosceris versarisque in optimorum civium vel flore vel robore.Dort freust du dich deiner selbst, während du vor den Augen Italiens erkannt wirst und sowohl mit der Blüte als mit dem Kern der wackersten Mitbürger verkehrst.
Iam quantum illud est, quod in maximis occupationibus numquam intermittis studia doctrinae, semper aut ipse scribis aliquid aut me vocas ad scribendum!Wie hoch ist ferner das anzurechnen, dass du bei deinen so sehr wichtigen Beschäftigungen die wissenschaftlichen Studien nie aussetzst, immer entweder selbst etwas schreibst, oder mich zum Schreiben aufforderst.
Itaque hoc sum adgressus statim Catone absoluto quem ipsum numquam attigissem tempora timens inimica virtuti, nisi tibi hortanti et illius memoriam mihi caram excitanti non parere nefas esse duxissem—, sed testificor me a te rogatum et recusantem haec scribere esse ausum.Und so habe ich denn diese Arbeit gleich nach Vollendung des Cato unternommen; — selbst mit diesem Cato würde ich mich aus Furcht vor dieser dem Verdienst feindlichen Zeit nicht befasst haben, wenn ich es nicht für ein Unrecht gehalten hätte, dir, da du mich auffordertest und sein mir teures Andenken erwecktest, nicht zu willfahren.
Volo enim mihi tecum commune esse crimen, ut, si sustinere tantam quaestionem non potuero, iniusti oneris impositi tua culpa sit, mea recepti; in quo tamen iudici nostri errorem laus tibi dati muneris compensabit.Ich versichere aber, dass ich dieses Werk hier zu schreiben nur auf dein Bitten und mit Widerstreben gewagt habe. Ich wünsche nämlich, dass du das Vergehen mit mir teilst, sodass, wenn ich einer so großen Aufgabe nicht gewachsen bin, die Schuld, eine die Kräfte übersteigende Last mir ausgelegt zu haben, dich treffe, mich, sie übernommen zu haben; wobei jedoch die Verirrung in der Schätzung meiner Kräfte durch das Lob, dir gefällig gewesen zu sein, wird ausgewogen werden.

Kapitel 11

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Sed in omni re difficillimum est formam, qui charakter Graece dicitur, exponere optimi, quod aliud aliis videtur optimum.In allen Dingen aber ist es sehr schwer, die Urform, griechisch [griechisches Wort] genannt, am besten darzustellen, weil jeder etwas anderes für das Beste hält.
Ennio delector, ait quispiam, quod non discedit a communi more verborum;Ich ergötze mich", sagt einer, ''an Ennius, weil er sich nicht von der gewöhnlichen Ausdrucksweise entfernt. ''
Pacuvio, inquit alius: omnes apud hunc ornati elaboratique sunt versus, multo apud alterum neglegentius;"Ich", sagt ein anderer, "am Pacuvius, denn bei ihm sind alle Verse schmuckvoll und sorgfältig ausgearbeitet, bei dem anderen ist vieles zu nachlässig;
fac alium Accio;nimm nun an, ein anderer habe am Attius seine Freude;
varia enim sunt iudicia, ut in Graecis, nec facilis explicatio quae forma maxime excellat.denn die Urteile sind mannigfaltig wie bei den Griechen, und es ist nicht leicht zu entwickeln, welche Form am meisten hervorragt.
In picturis alios horrida inculta, abdita et opaca,Bei den Gemälden lieben einige das Rauhe, Schmucklose, Dunkle;
contra alios nitida laeta conlustrata delectant.andere hingegen das Glänzende, Freundliche, Helle.
Quid est quo praescriptum aliquod aut formulam exprimas, cum in suo quidque genere praestet et genera plura sint?Was hat man also, wonach man eine Vorschrift oder Formel ausstellen konnte, da doch jedes in seiner Art ausgezeichnet ist und es mehrere Arten gibt?
Hac ego religione non sum ab hoc conatu repulsus existimavique in omnibus rebus esse aliquid optimum, etiam si lateret, idque ab eo posse qui eius rei gnarus esset iudicari.Durch diese Bedenklichkeit habe ich mich von diesem Versuch nicht abschrecken lassen und habe geglaubt, dass es in allen Dingen ein Bestes gibt, wenn es auch verborgen liegt, und dass dieses von demjenigen, welcher der Sache kundig ist, beurteilt werden kann.
Sed quoniam plura sunt orationum genera eaque diversa neque in unam formam cadunt omnia, laudationum [scriptionum] et historiarum et talium suasionum, qualem Isocrates fecit Panegyricum multique alii qui sunt nominati sophistae, reliquarumque scriptionum [rerum] formam, quae absunt a forensi contentione eiusque totius generis quod Graece epideiktikon nominatur, quia quasi ad inspiciendum delectationis causa comparatum est, non complectar hoc tempore; non quo neglegenda sit; est enim ilia quasi nutrix eius oratoris quem informare volumus et de quo molimur aliquid exquisitius dicere.Weil es aber mehrere und zwar verschiedene Arten von Reden gibt und sich nicht alle in eine Form bringen lassen, so will ich die Form der lobenden und tadelnden Reden und die der Geschichtserzählungen, so wie die solcher empfehlenden Reden, wie Isokrates in seinem Panegyrikus gemacht hat, und wie viele andere, die sogenannten Sophisten, getan haben, auch die Form der übrigen Reden, die dem Kampf auf dem Forum fernstehen, und die der ganzen Gattung, welche griechisch [griechisches Wort] heißt, weil sie des Vergnügens wegen, gleichsam nur zum Ansehen geschaffen ist, für jetzt nicht behandeln — nicht als ob man sie ganz vernachlässigen sollte, denn sie ist gewissermaßen die Pflegerin des Redners, den wir darstellen wollen, und über welchen wir etwas sorgfältig Ermitteltes zu sagen uns bemühen.

Kapitel 12

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Ab hac et verborum copia alitur et eorum constructio et numerus liberiore quadam fruitur licentia.Von ihr erhält die Fülle der Worte Nahrung und die Verbindung derselben und der Rhythmus erfreuen sich einer gewissen freieren Bewegung.
Datur etiam venia concinnitati sententiarum et arguti certique et circumscripti verborum ambitus conceduntur, de industriaque non ex insidiis sed aperte ac palam elaboratur, ut verba verbis quasi demensa et paria respondeant, ut crebro conferantur pugnantia comparenturque contraria et ut pariter extrema terminentur eundemque referant in cadendo sonum; quae in veritate causarum et rarius multo facimus et certe occultius. In Panathenaico autem Isocrates ea se studiose consectatum fatetur; non enim ad iudiciorum certamen, sed ad voluptatem aurium scripserat.Auch auf kunstvolle Verbindung der Sätze nimmt sie Rücksicht, und gestattet scharf ins Ohr fallende, bestimmt abgegrenzte Perioden, und geflissentlich, nicht versteckter Weise, sondern offen und vor aller Augen strebt sie dahin, dass die Worte einander, wie abgemessen und gleich, entsprechen, dass häufig Widerstreitendes zusammengestellt, Entgegengesetztes zusammengebracht wird, dass Satzglieder in gleicher Weise enden und denselben Tonfall haben, Dinge, die wir, wo es sich um wirkliche Verhältnisse handelt, in Rechtsfällen, weit seltener und wenigstens in mehr verborgener Weise beobachten. Im Panathenaikus aber bekennt Isokrates, dass er mit Eifer danach gestrebt habe; denn er hatte nicht für einen Wettkamps vor Gericht, sondern für das Vergnügen der Zuhörer geschrieben.
Haec tractasse Thrasymachum Calchedonium primum et Leontinum ferunt Gorgiam, Theodorum inde Byzantium multosque alios, quos logodaidalous appellat in Phaedro Socrates;Zuerst handhabte dieses, wie man sagt, Thrasymachos aus Chalcedon und Gorgias der Leontiner, darauf Theodorus aus Byzanz und viele andere, welche Sokrates im Phaedrus XoyoöaiSaXoi (Redekünstler) nennt.
quorum satis arguta multa, sed ut modo primumque nascentia minuta et versiculorum similia quaedam nimiumque depicta.Vieles fällt bei diesen scharf ins Ohr, allein da diese Kunst eben erst und zum ersten Mal hervortrat, so ist manches zerstückelt und kleinen Versen ähnlich und allzu ängstlich abgezirkelt.
Quo magis sunt Herodotus Thucydidesque mirabiles; quorum aetas cum in eorum tempora quos nominavi incidisset, longissime tamen ipsi a talibus deliciis vel potius ineptiis afuerunt.Um so mehr sind Herodot und Thukydides bewundernswert, deren Lebensalter zwar in die Zeit der Genannten fiel, die aber dennoch weit entfernt von solchen Tändeleien, oder vielmehr Geschmacklosigkeiten geblieben sind;
Alter enim sine ullis salebris quasi sedatus amnis fluit, alter incitatior fertur et de bellicis rebus canit etiam quodam modo bellicum; primisque ab his, ut ait Theophrastus, historia commota est, ut auderet uberius quam superiores et ornatius dicere.denn der eine von diesen beiden fließt ohne irgendwelche Unebenheit dahin, wie ein ruhiger Strom, der andere treibt stürmischer dahin und gibt, wo er Kämpfe schildert, gewissermaßen das Signal zum Kampfe, und von ihnen hat zuerst die Geschichte die Anregung erhalten, sich an größerer Fülle und größerem Schmucke der Rede zu wagen, als die Vorgänger.

Kapitel 13

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Horum aetati successit Isocrates, qui praeter ceteros eiusdem generis laudatur semper a nobis, non numquam, Brute, leniter et erudite repugnante te;Auf ihr Zeitalter folgte Isokrates, welcher von mir immer vor den anderen derselben Gattung gepriesen wird, wogegen du, mein Brutus, zuweilen in milder und feiner Weise Widerspruch erhebst.
sed concedas mihi fortasse, si quid in eo laudem cognoveris.Aber du wirst dich vielleicht von mir überzeugen lassen, wenn du erfährst, was ich an ihm lobe.
Nam cum concisus ei Thrasymachus minutis numeris videretur et Gorgias, qui tamen primi traduntur arte quadam verba iunxisse, Theodorus autem praefractior nec satis, ut ita dicam, rotundus, primus instituit dilatare verbis et mollioribus numeris explere sententias;Während nämlich Thrasymachus und Gorgias, (die doch zuerst die Worte mit einer gewissen Kunst verbunden haben sollen), ihm mit ihren zerstückelten Rhythmen abgebrochen, Thukydides aber zu hart und, wenn ich so sagen darf, nicht abgerundet genug erschien, begann er zuerst, die Gedanken durch den Ausdruck zu erweitern und in geschmeidigeren Rhythmen auszufüllen.
in quo cum doceret eos qui partim in dicendo partim in scribendo principes exstiterunt, domus eius officina habita eloquentiae est.Da er nun darin die Männer unterrichtete, die teils als Redner, teils als Schriftsteller die ersten geworden sind, so wurde sein Haus für eine Werkstätte der Beredsamkeit gehalten.
Itaque ut ego, cum a nostro Catone laudabar, vel reprehendi me a ceteris facile patiebar, sic Isocrates videtur testimonio Platonis aliorum iudicia debere contemnere.So wie ich also, wenn ich von unserm Cato gelobt wurde, es leicht ertrug, dass andere mich tadelten, so scheint mir Isokrates durch das Zeugnis des Plato die Urteile anderer verachten zu dürfen.
Est enim, ut scis, quasi in extrema pagina Phaedri his ipsis verbis loquens Socrates:Sokrates ist nämlich, wie du weißt, fast aus der letzten Seite des Phädrus redend eingeführt:
Adulescens etiam nunc, o Phaedre, Isocrates est,Jung noch, mein Phädrus, ist jetzt Isokrates;
sed quid de illo augurer libet dicere.doch meine Ahnung von ihm will ich sagen.
Quid tandem?Was denn?
Inquit ille.sagte jener.
Maiore mihi ingenio videtur esse quam ut cum orationibus Lysiae comparetur, praeterea ad virtutem maior indoles;Er scheint mir von größerer geistiger Begabung zu sein, als dass seine Reden mit denen des Lysias verglichen werden könnten;
ut minime mirum futurum sit si, cum aetate processerit, aut in hoc orationum genere cui nunc studet tantum quantum pueris reliquis praestet omnibus qui umquam orationes attigerunt aut, si contentus his non fuerit, divino aliquo animi motu maiora concupiscat;außerdem hat er eine größere Anlage zur Tugend, sodass man sich ganz und gar nicht zu verwundern haben wird, wenn er bei reiferem Alter entweder in dieser Gattung von Reden, mit der er sich jetzt beschäftigt, vor allen übrigen, welche sich je mit Reden befasst haben, wie vor Knaben sich auszeichnet, oder wenn er sich damit nicht begnügt, durch einen gewissen göttlichen Trieb seiner Seele nach Höherem trachten.
inest enim natura philosophia in huius viri mente quaedam.Denn von Natur wohnt ein philosophischer Geist in dem Gemüt des Mannes.
Haec de adulescente Socrates auguratur.Dieses ahnte Sokrates von dem Jüngling;
At ea de seniore scribit Plato et scribit aequalis et quidem exagitator omnium rhetorum hunc miratur unum;aber Plato schreibt es von ihm, als er schon im höheren Alter war, und schreibt es als Zeitgenosse, und zwar bewundert er diesen allein, während er alle Redner tadelt.
me autem qui Isocratem non diligunt una cum Socrate et cum Platone errare patiantur.Was also mich betrifft, so mögen die, welche Isokrates nicht lieben, gestatten, dass ich mich zugleich mit Sokrates und Plato irre.
Dulce igitur orationis genus et solutum et fluens, sententiis argutum, verbis sonans est in illo epidictico genere quod diximus proprium sophistarum, pompae quam pugnae aptius, gymnasiis et palaestrae dicatum, spretum et pulsum foro.In dieser epideiktischen Redegattung, die wir als das Eigentum der Sophisten bezeichnet haben, gibt es also eine Art der Rede, die lieblich, sich frei bewegend, leicht hinfließend, scharf an Gedanken, wohltönend im Ausdruck ist, mehr zum Prunk, als für den Kampf geeignet, den Gymnasien und der Ringschule gewidmet, verschmäht und zurückgewiesen vom Forum.
Sed quod educata huius nutrimentis eloquentia [est] ipsa se postea colorat et roborat, non alienum fuit de oratoris quasi incunabulis dicere.Weil aber die Beredsamkeit selbst erst von ihr durch Nahrungsmittel großgezogen wurde, dann später Farbe erhalten und kräftig geworden ist, so war es nicht unpassend, gleichsam von der Wiege des Redners zu sprechen.
Verum haec ludorum atque pompae; nos autem iam in aciem dimicationemque veniamus.Doch das gehört zum Spiel und zum Prunk, wir aber wollen nun in die offene Feldschlacht.

Kapitel 14

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Quoniam tria videnda sunt oratori: quid dicat et quo quidque loco et quo modo, dicendum omnino est quid sit optimum in singulis, sed aliquanto secus atque in tradenda arte dici solet. Nulla praecepta ponemus, neque enim id suscepimus, sed excellentis eloquentiae speciem et formam adumbrabimus; nec quibus rebus ea paretur exponemus, sed qualis nobis esse videatur.Weil der Redner aus dreierlei sehen muss, was er zu sagen habe, und in welcher Ordnung, und in welcher Weise, so müssen wir im Allgemeinen bei jedem dieser Punkte sagen, was das Beste ist, aber ganz anders, als es von den Lehrern der Kunst (der Beredsamkeit) gesagt zu werden pflegt. Wir werden keine Regeln ausstellen; denn das haben wir uns nicht zur Aufgabe gemacht, sondern Muster und Bild der vorzüglichen Beredsamkeit im Umriss darzustellen; auch werden wir nicht entwickeln, durch welche Mittel sie erreicht werde, sondern wie sie nach unserer Meinung sein müsse.
Ac duo breviter prima; sunt enim non tam insignia ad maximam laudem quam necessaria et tamen cum multis paene communia.Von den beiden ersten Punkten nur kurz, denn sie sind nicht sowohl hervorragend, um große Anerkennung zu verschaffen, sondern notwendig, und doch fast ein Gemeingut vieler.
Nam et invenire et iudicare quid dicas magna illa quidem sunt et tamquam animi instar in corpore, sed propria magis prudentiae quam eloquentiae:Denn die Erfindung und Beurteilung dessen, was man zu sagen habe, ist zwar wichtig und gleichsam wie die Seele im Körper, ist aber doch mehr Eigentümlichkeit der Klugheit, als der Beredsamkeit.
qua tamen in causa est vacua prudentia?In welchem Gegenstand (der Rede) aber wäre die Klugheit nicht beschäftigt?
Noverit igitur hic quidem orator, quem summum esse volumus, argumentorum et rationum locos.Es muss also der Redner, den wir uns vorgesetzt haben, die allgemeinen äußeren und inneren Beweisquellen kennen.
Nam quoniam, quicquid est quod in controversia aut in contentione versetur, in eo aut sitne aut quid sit aut quale sit quaeritur:—sitne, signis; quid sit, definitionibus; quale sit, recti pravique partibus; quibus ut uti possit orator, non ille vulgaris sed hic excellens, a propriis personis et temporibus semper, si potest, avocet controversiam; latius enim de genere quam de parte disceptare licet, ut quod in universo sit probatum id in parte sit probari necesse;--Denn weil bei allem, was Gegenstand des Streites oder des Kampfes ist, gefragt wird, ob etwas sei, was es sei, und wie es sei, ob es sei, aus Grund von Merkmalen, was es sei, durch Begriffsbestimmungen, wie es sei, nach der besondern Art des Sittlichen ober Unsittlichen, so sucht der Redner, nicht jener gewöhnliche, sondern der ausgezeichnete, den wir meinen, damit er diese Mittel anwenden könne, immer die Streitfrage, wenn er es vermag, von den besonderen Personen und Zeitumständen fernzuhalten. Denn es lässt sich ausführlicher über die Gattung, als über die Art verhandeln, sodass, was vom Ganzen bewiesen ist, auch vom Teil als bewiesen angesehen werden muss.
-- haec igitur quaestio a propriis personis et temporibus ad universi generis rationem traducta appellatur thesis. In hac Aristoteles adulescentis non ad philosophorum morem tenuiter disserendi, sed ad copiam rhetorum in utramque partem, ut ornatius et uberius dici posset, exercuit; idemque locos—sic enim appellat—quasi argumentorum notas tradidit unde omnis in utramque partem traheretur oratio.Diese Art nun, die Untersuchung von den besonderen Personen und Zeiten zum Vortrag über die ganze Gattung hinüberzuleiten, nennt man Thesis. In dieser Art hat Aristoteles die Jünglinge geübt, nicht nach Art der Philosophen in kurzer, knapper Erörterung, sondern in größerer Ausführlichkeit wie die Redner für und wider eine Sache mit mehr Schmuck und Fülle zu sprechen. Er hat auch Fundstätten — so nennt er sie nämlich — gleichsam Kennzeichen der Beweisgründe, um aus denselben den Stoff zu jeder Rede für und wider einen Gegenstand zu gewinnen, vorgetragen.

Kapitel 15

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Faciet igitur hic noster—non enim declamatorem aliquem de ludo aut rabulam de foro, sed doctissimum et perfectissimum quaerimus—, ut, quoniam loci certi traduntur, percurrat omnis, utatur aptis, generatim dicat; ex quo emanent etiam qui communes appellantur loci. Nec vero utetur imprudenter hac copia, sed omnia expendet et seliget; non enim semper nec in omnibus causis ex isdem locis eadem argumentorum momenta sunt.Leicht wird demnach der Redner, den wir im Sinn haben (denn wir wollen nicht einen Redekünstler aus der Schule, noch einen Schreier vom Forum, sondern den gebildetsten und vollkommensten), weil nun einmal bestimmte Fundstätten ausgestellt werden, sie alle durchdenken, die passenden anwenden, er wird über seinen Gegenstand im Allgemeinen (von einem allgemeinen Standpunkt aus) reden, woraus sich denn auch die sogenannten loci communes (Gemeinplätze) von selbst ergeben. Doch wird er nicht unvorsichtig diesen Reichtum anwenden, sondern er wird alles abwägen und auswählen. Denn nicht immer und nicht in allen Fällen ist das Gewicht der Beweise aus denselben allgemeinen Beweisquellen dasselbe.
Iudicium igitur adhibebit nec inveniet solum quid dicat sed etiam expendet.Er wird also mit Überlegung verfahren, und nicht nur herausfinden, was er zu sagen hat, sondern es auch abwägen.
Nihil enim est feracius ingeniis, eis praesertim quae disciplinis exculta sunt.Denn nichts ist fruchtbarer als der Geist, besonders der wissenschaftlich gebildete.
Sed ut segetes fecundae et uberes non solum fruges verum herbas etiam effundunt inimicissimas frugibus, sic interdum ex illis locis aut levia quaedam aut causis aliena aut non utilia gignuntur.Aber so wie fruchtbare und ergiebige Saaten nicht nur Früchte, sondern auch der Frucht schädliches Unkraut reichlich hervorbringen, so geht zuweilen aus jenen Fundstätten Unbedeutendes oder Fremdartiges oder Unnützes hervor.
Quorum ab oratoris iudicio dilectus nisi magnus adhibebitur, quonam modo ille in bonis haerebit et habitabit suis aut molliet dura aut occultabit quae dilui non poterunt atque omnino opprimet, si licebit, aut abducet animos aut aliud adferet, quod oppositum probabilius sit quam illud quod obstabit?Wenn hierbei durch die Überlegung des Redners große Auswahl getroffen wird, wie wird er denn bei den guten Seiten verweilen und sich darin festsetzen, oder die Härten mildern, oder dasjenige, was nicht entkräftet werden kann, verbergen, ja sogar, wenn es möglich ist, völlig unterdrücken, oder die Gemüter (davon) ablenken, oder etwas anderes beibringen, das demjenigen, das uns feindlich entgegentritt, gegenübergestellt wird und glaubwürdiger ist als jenes ?
Iam vero ea quae invenerit qua diligentia conlocabit? Quoniam id secundum erat de tribus. Vestibula nimirum honesta aditusque ad causam faciet inlustris; cumque animos prima adgressione occupaverit, infirmabit excludetque contraria; de firmissimis alia prima ponet alia postrema inculcabitque leviora.Mit welcher Sorgfalt wird er vollends dem, was er gefunden hat, seine Stelle anweisen, da dieses der zweite von den drei Punkten ist. Ohne Zweifel wird er auch ansehnliche Vorhallen und lichtvolle Zugänge zu der Sache anbringen; und wenn er gleich am Anfang die Gemüter gewonnen hat, das ihm Entgegenstehende entkräften und entfernt halten; von dem, was (für seine Sache) am zuverlässigsten ist, wird er einiges an den Anfang, anderes an das Ende setzen und das Unbedeutende in die Mitte einmischen. So haben wir denn, was die beiden ersten Ausgaben der Rede betrifft, die Beschaffenheit des Redners übersichtlich und kurz beschrieben.

Kapitel 16

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Atque in primis duabus dicendi partibus qualis esset summatim breviterque descripsimus. Sed, ut ante dictum est, in his partibus, etsi graves atque magnae sunt, minus et artis est et laboris; cum autem et quid et quo loco dicat invenerit, illud est longe maximum, videre quonam modo; scitum est enim, quod Carneades noster dicere solebat, Clitomachum eadem dicere, Charmadam autem eodem etiam modo dicere. Quod si in philosophia tantum interest quem ad modum dicas, ubi res spectatur, non verba penduntur, quid tandem in causis existimandum est quibus totis moderatur oratio?Aber es ist in diesen Teilen, wie ich vorhergesagt habe obschon sie wichtig und bedeutend sind, doch weniger Kunst und Arbeit. Wenn aber der Redner gefunden, was er zu sagen und an welcher Stelle er jedes anzubringen habe, so ist bei weitem das Wichtigste zu beachten, in welcher Weise er es tun soll. Es ist nämlich eine seine Bemerkung, die unser Kameades zu machen pflegte, Kleitomachos sage dasselbe wie er, Charmadas aber auch in derselben Weise. Wenn es nun in der Philosophie, wo auf die Sache gesehen wird, ohne dass man die Worte abwägt, so sehr darauf ankommt, in welcher Weise man spricht, wie wichtig muss dieses erst bei Verhandlungen gehalten werden, die doch die Rede ganz und gar beherrscht?
Quod quidem ego, Brute, ex tuis litteris sentiebam, non te id sciscitari, qualem ego in inveniendo et in conlocando summum esse oratorem vellem, sed id mihi quaerere videbare, quod genus ipsius orationis optimum iudicarem: rem difficilem, di immortales, atque omnium difficillimam. Nam cum est oratio mollis et tenera et ita flexibilis ut sequatur quocumque torqueas, tum et naturae variae et voluntates multum inter se distantia effecerunt genera dicendi:Das nahm ich aber auch aus deinem Brief wahr, dass du nicht danach fragtest, wie nach meiner Meinung der größte Redner in Bezug aus Erfindung und Anordnung beschaffen sein müsse, sondern das scheinst du mich zu fragen, welche Art des Ausdrucks selbst ich für die beste halte — bei den unsterblichen Göttern, eine schwierige Ausgabe, ja die allerschwierigste! Denn einerseits ist die Rede weich und zart und so biegsam, dass sie jeder Wendung folgt; anderseits haben die verschiedenen Naturen und Neigungen sehr unter einander verschiedene Arten der Rede hervorgebracht.
flumen aliis verborum volubilitasque cordi est, qui ponunt in orationis celeritate eloquentiam;Den einen, welche die Beredsamkeit in die Schnelligkeit der Rede setzen, liegt der Fluss und die Geläufigkeit der Worte am Herzen;
distincta alios et interpuncta intervalla, morae respirationesque delectant:andere lieben kurze, streng gesonderte, abgeteilte Sätze, das Innehalten, die Pausen und Ruhepunkte.
quid potest esse tam diversum?Was kann so verschieden sein!
Tamen est in utroque aliquid excellens.Dennoch gibt es in beiden Arten etwas Vorzügliches.
Elaborant alii in lenitate et aequabilitate et puro quasi quodam et candido genere dicendi;Einige streben nach einer milden, gleichmäßigen und gleichsam reinen und lauteren Ausdrucksweise.
ecce aliqui duritatem et severitatem quandam in verbis et orationis quasi maestitiam sequuntur;Da gibt es nun aber wieder einige, die nach einer gewissen Härte und Strenge in den Worten und gleichsam nach einer trüben Färbung der Rede trachten.
quodque paulo ante divisimus, ut alii graves alii tenues alii temperati vellent videri, quot orationum genera esse diximus totidem oratorum reperiuntur.Und wie wir vorher die Einteilung gemacht haben, dass einige für erhaben. Andere für schlicht gelten, wieder andere die Mitte zwischen beiden halten wollen: es finden sich ebenso vielerlei Redner, wie es, wie wir gesagt haben, Gattungen der Rede gibt.

Kapitel 17

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Et quoniam coepi iam cumulatius hoc munus augere quam a te postulatum est—tibi enim tantum de orationis genere quaerenti respondi etiam breviter de inveniendo et conlocando—, ne nunc quidem solum de orationis modo dicam sed etiam de actionis: ita praetermissa pars nulla erit, quando quidem de memoria nihil est hoc loco dicendum, quae communis est multarum artium.Und weil ich nun angefangen habe, dieses Geschäft (des Redners) in vollerem Maße ins Licht zu setzen als du verlangt hast — denn während du nur nach der Art der Rede fragtest, habe ich dir auch kurz in Bezug auf Erfindung und Anordnung des Stoffes geantwortet — so will ich auch jetzt nicht nur von der Art des Ausdrucks, sondern auch von der des Vortrags sprechen; so wird kein Teil übergangen sein, da nämlich über das Gedächtnis hier nichts gesagt zu werden braucht, das vielen Wissenschaften gemeinsam ist.
Quo modo autem dicatur, id est in duobus, in agendo et in eloquendo.Auf welche Weise aber gesprochen wird, wird durch zweierlei bestimmt, durch Vortrag und Ausdruck.
Est enim actio quasi corporis quaedam eloquentia, cum constet e voce atque motu.Denn der Vortrag ist gleichsam eine gewisse Beredsamkeit des Körpers, da er doch auf der Stimme und auf der Bewegung beruht.
Vocis mutationes totidem sunt quot animorum, qui maxime voce commoventur.Veränderungen der Stimme gibt es eben so viele wie Veränderungen in den Gemütsstimmungen, die durch die Stimme sehr bewegt werden.
Itaque ille perfectus, quem iam dudum nostra indicat oratio, utcumque se adfectum videri et animum audientis moveri volet, ita certum vocis admovebit sonum;Der vollkommene Redner also, auf den meine Rede schon lange hinweist, wird, je nachdem wie er selbst gerührt scheinen wird und das Herz der Zuhörer rühren wollen, jedesmal einen bestimmten (entsprechenden) Ton der Stimme anwenden.
de quo plura dicerem, si hoc praecipiendi tempus esset aut si tu hoc quaereres.Ich würde mehr darüber sprechen, wenn jetzt die geeignete Zeit wäre, darüber Regeln auszustellen, oder wenn du danach fragtest;
Dicerem etiam de gestu, cum quo iunctus est vultus;ich würde auch über die Bewegungen des Körpers sprechen, mit welchen das Mienenspiel verbunden ist.
quibus omnibus dici vix potest quantum intersit quem ad modum utatur orator.Es kann kaum gesagt werden, wie viel darauf ankommt, auf welche Weise der Redner alle diese Dinge anwendet.
Nam et infantes actionis dignitate eloquentiae saepe fructum tulerunt et diserti deformitate agendi multi infantes putati sunt; ut iam non sine causa Demosthenes tribuerit et primas et secundas et tertias actioni;Denn selbst Männer ohne Beredsamkeit haben oft durch die Würde des Vortrags den Preis der Beredsamkeit davongetragen, und viele wohlredende Männer sind durch den hässlichen Vortrag für unberedt gehalten worden, sodass Demosthenes gewiss nicht ohne Grund dem Vortrag die erste, zweite und dritte Stelle zuerkannte.
si enim eloquentia nulla sine hac, haec autem sine eloquentia tanta est, certe plurimum in dicendo potest.Denn wenn die Beredsamkeit ohne den Vortrag nichts vermag, dieser aber ohne Beredsamkeit von solcher Bedeutung ist, so richtet er in der Rede gewiss sehr viel aus.
Volet igitur ille qui eloquentiae principatum petet et contenta voce atrociter dicere et summissa leniter et inclinata videri gravis et inflexa miserabilis;Wer also ein Meister in der Beredsamkeit zu werden strebt, wird mit gehobener Stimme sprechen, wenn er Hartes, mit gesenkter, wenn er Sanftes ausdrücken will, mit tiefer Stimme, wenn er ernst, mit modulierter Stimme, wenn er traurig erscheinen will.
mira est enim quaedam natura vocis, cuius quidem e tribus omnino sonis, inflexo acuto gravi, tanta sit et tam suavis varietas perfecta in cantibus.Wunderbar ist ja die Natur der Stimme, da sie es aus den drei Tönen, die sie im Ganzen hat, dem geschleiften, dem hohen und tiefen, zu einer so großen und so anmutigen Mannigfaltigkeit in höchster Vollendung gebracht hat.

Kapitel 18

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Est autem etiam in dicendo quidam cantus obscurior, non hic e Phrygia et Caria rhetorum epilogus paene canticum, sed ille quem significat Demosthenes et Aeschines, cum alter alteri obicit vocis flexiones; dicit plorare etiam Demosthenes istum quem saepe dicat voce dulci et clara fuisse.Es gibt aber auch in der Rede eine Art Gesang, der freilich nicht so bestimmt zu erkennen ist, einen Gesang, nicht wie in dem Epilog der Redner aus Phrygien und Carien, der fast wie ein Lied klingt, sondern die Art, welche Demosthenes und Aeschines andeuten, wenn sie einander die Umbiegung (Modulation) der Stimme zum Vorwurf machen. Demosthenes sagt noch mehr dahin Gehöriges und sagt oft von jenem, seine Stimme sei süß und hell gewesen.
In quo illud etiam notandum mihi videtur ad studium persequendae suavitatis in vocibus:Hierbei scheint mir noch folgender Punkt bemerkenswert, wenn man darauf aus ist, Lieblichkeit im Klange der Stimme sich zu eigen zu machen.
ipsa enim natura, quasi modularetur hominum orationem, in omni verbo posuit acutam vocem nec una plus nec a postrema syllaba citra tertiam;Die Natur hat nämlich selbst, wie um die Rede des Menschen gehörig einzurichten, in jedes Wort eine Betonung gefügt, und zwar nicht mehr als eine und nicht über die drittletzte Silbe hinaus;
quo magis naturam ducem ad aurium voluptatem sequatur industria.um so mehr soll der Fleiß der Natur als Führerin folgen, um dem Ohr angenehm zu werden.
Ac vocis quidem bonitas optanda est;Die natürliche gute Anlage der Stimme muss man freilich wünschen;
non est enim in nobis, sed tractatio atque usus in nobis.es steht nicht bei uns, sie uns zu geben;
Ergo ille princeps variabit et mutabit: omnis sonorum tum intendens tum remittens persequetur gradus. Idemque motu sic utetur, nihil ut supersit. In gestu status erectus et celsus; rarus incessus nec ita longus; nulla mollitia cervicum, nullae argutiae digitorum, non ad numerum articulus cadens; trunco magis toto se ipse moderans et virili laterum flexione, bracchii proiectione in contentionibus, contractione in remissis.aber die Behandlung und der Gebrauch der Stimme ist in unserer Macht. Jener vollkommene Redner wird also Wechsel und Veränderung in die Stimme bringen, alle Stufen der Töne, bald aufsteigend, bald absteigend, durchlaufen. Auch der Bewegung wird er sich so bedienen, dass sie nicht über das rechte Maß hinausgeht. Was die Bewegung des Körpers betrifft, so wird die Stellung gerade und ausgerichtet sein, selten und nicht zu lange wird er auf der Rederbühne hin- und hergehen, das Vorschreiten gegen die Zuhörer wird mit Maß und zwar selten stattfinden, keine Beweglichkeit des Nackens, keine gezierte Bewegung der Finger, kein Glied wird sich nach dem Takt senken, mehr mit dem ganzen Oberleib und durch männliche Neigung der Seiten gibt er seinem Körper maßvolle Haltung, durch Vorstreckung des Armes bei erhobenen Stellen, durch Einziehung bei gelassenen.
Vultus vero, qui secundum vocem plurimum potest, quantam adferet tum dignitatem tum venustatem! In quo cum effeceris ne quid ineptum sit aut vultuosum, tum oculorum est quaedam magna moderatio. Nam ut imago est animi vultus, sic indices oculi; quorum et hilaritatis et vicissim tristitiae modum res ipsae de quibus agetur temperabunt.Wie viel Würde sowohl als Anmut wird vollends das Mienenspiel, welches nächst der Stimme am meisten vermag, dem Redner verleihen! Erreicht man dabei, dass es weder geschmacklos noch grimassierend ist, dann liegt ein gewisser mächtiger Ausdruck in den Augen. Denn so wie die Miene das Bild der Seele ist, so sind die Augen das Kennzeichen derselben, deren heiterer und andererseits trauriger Ausdruck durch den Gegenstand selbst bestimmt werden, um den es sich handelt.

Kapitel 19

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Sed iam illius perfecti oratoris et summae eloquentiae species exprimenda est.Doch nun muss das Muster jenes vollkommenen Redners und jener idealen Beredsamkeit genau dargestellt werden.
Quem hoc uno excellere [id est oratione], cetera in eo latere indicat nomen ipsum;Dass er in diesem Punkte, das heißt im Reden, hervorragt, das Übrige bei ihm versteckt ist (seine versteckten Gaben sind), das zeigt schon der Name an.
non enim inventor aut compositor aut actor qui haec complexus est omnia, sed et Graece ab eloquendo rhetor et Latine eloquens dictus est;Denn nicht der Ausdruck Erfinder, oder Ordner, oder Darsteller umfasst die ganze Ausgabe, sondern vom Reden wurde er im Griechischen Rhetor und im Lateinischen eloquens genannt.
ceterarum enim rerum quae sunt in oratore partem aliquam sibi quisque vindicat, dicendi autem, id est eloquendi, maxima vis soli huic conceditur.Denn von den übrigen Eigenschaften, die sich bei dem Redner finden, nimmt jeder einen Teil in Anspruch, in Reden aber, das heißt in der Beredsamkeit, wird ihm allein die größte Fähigkeit eingeräumt.
Quamquam enim et philosophi quidam ornate locuti sunt—si quidem et Theophrastus a divinitate loquendi nomen invenit et Aristoteles Isocratem ipsum lacessivit et Xenophontis voce Musas quasi locutas ferunt et longe omnium quicumque scripserunt aut locuti sunt exstitit et suavitate et gravitate princeps Plato—, tamen horum oratio neque nervos neque aculeos oratorios ac forensis habet.Denn obschon auch einige Philosophen zierlich gesprochen haben — da doch Theophrastus von der Göttlichkeit seiner Rede seinen Namen erhalten hat, und Aristoteles selbst den Isokrates herausforderte, und mit Xenophons Mund, wie man sagt, gleichsam die Musen geredet haben, und unter allen, welche je geschrieben oder gesprochen haben, bei weitem Plato durch Anmut und Würde als Meister hervorragt, so hat doch bei diesen die Rede nicht den Nerv und den Stachel, wie er vom Redner und vom Forum verlangt wird.
Loquuntur cum doctis, quorum sedare animos malunt quam incitare, et de rebus placatis ac minime turbulentis docendi causa non capiendi loquuntur, ut in eo ipso, quod delectationem aliquam dicendo aucupentur, plus non nullis quam necesse sit facere videantur. Ergo ab hoc genere non difficile est hanc eloquentiam, de qua nunc agitur, secernere.Die Philosophen sprechen mit Gebildeten, deren Gemüter sie mehr besänftigen als aufregen wollen, über friedliche und keineswegs stürmische Gegenstände, um zu belehren, nicht um zu verleiten, sodass sie gerade dann, wenn sie einigermaßen auf das Ergötzen (der Zuhörer) ausgehen. Manchen mehr, als nötig ist, zu tun scheinen. Es ist also nicht schwer von dieser Art der Rede die Beredsamkeit, von der wir handeln, zu unterscheiden.
Mollis est enim oratio philosophorum et umbratilis nec sententiis nec verbis instructa popularibus nec vincta numeris, sed soluta liberius; nihil iratum habet, nihil invidum, nihil atrox, nihil miserabile, nihil astutum; casta, verecunda, virgo incorrupta quodam modo. Itaque sermo potius quam oratio dicitur. Quamquam enim omnis locutio oratio est, tamen unius oratoris locutio hoc proprio signata nomine est.Denn sanft ist die Rede der Philosophen und für den Schatten (der Schule) bestimmt, nicht mit Gedanken und Worten, wie sie das Volk verlangt, ausgestattet, nicht durch Rhythmen gebunden, sondern sie bewegt sich in freier Ungebundenheit; sie hat nichts Zorniges, nichts Neidisches, nichts Drohendes, nichts Mitleiderregendes, nichts Listiges, sie ist gewissermaßen eine keusche, schüchterne, reine Jungfrau. Darum wird auch diese Art zu sprechen mehr Unterredung als Rede genannt. Denn wenn auch jedes Sprechen eine Rede ist, so ist doch ausschließlich des Redners Art zu sprechen mit diesem ihr ganz eigen zukommenden Namen bezeichnet worden.
Sophistarum, de quibus supra dixi, magis distinguenda similitudo videtur, qui omnes eosdem volunt flores quos adhibet orator in causis persequi.Einer genaueren Unterscheidung bedarf es wegen der Ähnlichkeit mit den Rednern bei den Sophisten, von denen ich oben gesprochen, welche alle denselben Schmuck, welchen der Redner in den Prozessen anwendet, zu erreichen suchen.
Sed hoc differunt quod, cum sit his propositum non perturbare animos, sed placare potius nec tam persuadere quam delectare, et apertius id faciunt quam nos et crebrius, concinnas magis sententias exquirunt quam probabilis, a re saepe discedunt, intexunt fabulas, verba altius transferunt eaque ita disponunt ut pictores varietatem colorum, paria paribus referunt, adversa contrariis, saepissimeque similiter extrema definiunt.Doch der Unterschied besteht darin, dass sie, da es ihre Aufgabe ist, die Zuhörer nicht aufzuregen, sondern vielmehr zu beruhigen, nicht sowohl zu überzeugen als zu ergötzen, den Schmuck offener und häufiger, als wir, anwenden, dass sie mehr nach kunstgerecht ausgeführten, als nach überzeugenden Gedanken suchen, oft vom Gegenstand sich entfernen, Erzählungen einweben, dass sie beim Gebrauch der Wörter im übertragenen (uneigentlichen) Sinne kühner verfahren, und dass sie die Worte so ordnen, wie Maler die mannigfaltigen Farben, Gleiches auf Gleiches, Entgegengesetztes auf Entgegengesetztes zurückfallen lassen, und sehr oft die Sätze auf ähnliche Weise enden lassen.

Kapitel 20

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Huic generi historia finitima est, in qua et narratur ornate et regio saepe aut pugna describitur; interponuntur etiam contiones et hortationes, sed in his tracta quaedam et fluens expetitur, non haec contorta et acris oratio. Ab his non multo secus quam a poetis haec eloquentia quam quaerimus sevocanda est. Nam etiam poetae quaestionem attulerunt, quidnam esset illud quo ipsi differrent ab oratoribus: numero maxime videbantur antea et versu, nunc apud oratores iam ipse numerus increbruit.Dieser Gattung ist die Geschichte nahe verwandt, in welcher schmuckreich erzählt wird, oft eine Gegend oder eine Schlacht beschrieben wird, auch Reden und Aufmunterungen eingefügt werden; aber hierbei wird eine gemächliche und fließende, nicht diese kraftvolle und heftige Rede verlangt. Von ihrer Art ist die Beredsamkeit, um die es uns zu tun ist, fast ebenso wie von der der Dichter fernzuhalten. Denn auch die Dichter haben Stoff zu Untersuchung dargeboten, worin sie selbst sich von den Rednern unterscheiden. Früher glaubte man, der Unterschied liege in dem Silbenmaß und im Vers; jetzt ist aber das Maß schon bei den Rednern häufig geworden.
Quicquid est enim quod sub aurium mensuram aliquam cadit, etiam si abest a versu—nam id quidem orationis est vitium—numerus vocatur, qui Graece rhythmos dicitur.Denn alles, was dem Ohrenmaß angehört (was sich nach dem Gehör messen lässt), wenn es auch kein Vers ist — denn ein Vers in der Rede ist fehlerhaft — wird numerus genannt, und das ist dasselbe, was im Griechischen [griechisches Wort] heißt.
Itaque video visum esse non nullis Platonis et Democriti locutionem, etsi absit a versu, tamen quod incitatius feratur et clarissimis verborum luminibus utatur, potius poema putandum quam comicorum poetarum; apud quos, nisi quod versiculi sunt, nihil est aliud cotidiani dissimile sermonis. Nec tamen id est poetae maximum, etsi est eo laudabilior quod virtutes oratoris persequitur, cum versu sit astrictior.Daher haben manche, wie ich sehe, geglaubt, dass die Redeweise des Plato und des Demokritos, wenn sie auch dem Verse fern bleibt, dennoch, weil sie schwungvoller ist und den herrlichsten Schmuck des Ausdrucks anwendet, mehr für poetisch zu halten sei, als die der komischen Dichter, bei denen, außer den kleinen Versen, alles der gewöhnlichen Umgangssprache ähnlich ist. Beim Dichter aber ist dieses nicht das Wichtigste, obwohl er um desto lobenswerter ist, wenn er die Vorzüge des Redners zu erreichen sucht, da er durch den Vers doch mehr gebunden ist.
Ego autem, etiam si quorundam grandis et ornata vox est poetarum, tamen in ea cum licentiam statuo maiorem esse quam in nobis faciendorum iungendorumque verborum, tum etiam non nulli eorum voluntati vocibus magis quam rebus inserviunt; nec vero, si quid est unum inter eos simile—id autem est iudicium electioque verborum—, propterea ceterarum rerum dissimilitudo intellegi non potest; sed id nec dubium est et, si quid habet quaestionis, hoc tamen ipsum ad id quod propositum est non est necessarium. Seiunctus igitur orator a philosophorum eloquentia, a sophistarum, ab historicorum, a poetarum explicandus est nobis qualis futurus sit.Ich aber behaupte, wenn auch die Sprache mancher Dichter erhaben und schmuckreich ist, so haben sie doch in der Neubildung und Zusammensetzung der Wörter größere Freiheit, als wir; dann aber sehen sie, manchen zu Willen, mehr auf die Worte, als auf die Gedanken. Und selbst wenn ein einziger Punkt bei ihnen ähnlich ist, nämlich Geschmack und Auswahl in den Worten, so lässt sich doch deshalb die Ungleichheit in den andern Punkten nicht verkennen. Doch darüber herrscht kein Zweifel, und wenn etwas dabei zu untersuchen ist, so ist doch gerade dieses zu dem Zweck, der uns vorliegt, nicht notwendig. Nachdem wir also den Redner (die Beredsamkeit des Redners) von der Beredsamkeit der Philosophen, Sophisten, Historiker und Dichter abgesondert haben, müssen wir seine Beschaffenheit entwickeln.

Kapitel 21

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Erit igitur eloquens—hunc enim auctore Antonio quaerimus—is qui in foro causisque civilibus ita dicet, ut probet, ut delectet, ut flectat.Ein Redner also — den nämlich suchen wir nach dem Vorgang des Antonius — wird der sein, der auf dem Forum und in Zivilprozessen so spricht, dass er beweist, dass er (die Zuhörer) ergötzt, dass er (sie) lenkt.
Probare necessitatis est, delectare suavitatis, flectere victoriae:Beweisen ist notwendig, Ergötzen ist angenehm. Lenken aber ist Sieg;
nam id unum ex omnibus ad obtinendas causas potest plurimum.denn dieses allein vermag sehr viel, um eine Sache zu gewinnen.
Sed quot officia oratoris, tot sunt genera dicendi:Doch so viele Pflichten der Redner hat, so viele Pflichten der Rede gibt es.
subtile in probando, modicum in delectando, vehemens in flectendo;Die schlichte Gattung wird angewendet beim Beweisen, die gemäßigte beim Ergötzen, die stürmische beim Lenken;
in quo uno vis omnis oratoris est.darin allein liegt die ganze Macht des Redners.
Magni igitur iudici, summae etiam facultatis esse debebit moderator ille et quasi temperator huius tripertitae varietatis;Große Urteilskraft also und die höchste Fähigkeit wird der besitzen müssen, der diese drei Gattungen in ihrer Mannigfaltigkeit beherrscht und gleichsam in richtiger Mischung anwendet.
nam et iudicabit quid cuique opus sit et poterit quocumque modo postulabit causa dicere.Denn er muss nicht nur beurteilen, was für jeden Fall nötig ist, sondern auch imstande sein, immer so zu reden, wie der jeweilige Stoff es verlangt.
Sed est eloquentiae sicut reliquarum rerum fundamentum sapientia.Die Grundlage aber der Beredsamkeit so wie aller anderen Dinge ist die Weisheit.
Vt enim in vita sic in oratione nihil est difficilius quam quid deceat videre.Nichts ist nämlich schwieriger, im Leben, so in der Rede, als die Einsicht zu haben, was sich schickt;
Prepon appellant hoc Graeci, nos dicamus sane decorum;[griechisches Wort] nennen es die Griechen, wir können es wohl decorum nennen.
de quo praeclare et multa praecipiuntur et res est cognitione dignissima;Darüber werden viele vortreffliche Vorschriften gegeben, auch ist der Gegenstand der Kenntniss sehr würdig.
huius ignoratione non modo in vita sed saepissime et in poematis et in oratione peccatur.Dadurch, dass man nicht weiß, was sich schickt, wird nicht nur im Leben, sondern auch im Gedicht und in der Rede gefehlt.
Est autem quid deceat oratori videndum non in sententiis solum sed etiam in verbis.Der Redner muss aber nicht nur in den Gedanken, sondern auch in den Worten auf das Schickliche sehen.
Non enim omnis fortuna, non omnis honos, non omnis auctoritas, non omnis aetas nec vero locus aut tempus aut auditor omnis eodem aut verborum genere tractandus est aut sententiarum semperque in omni parte orationis ut vitae quid deceat est considerandum;Denn nicht jede Lage, nicht jedes Ehrenamt, nicht jede Würde, nicht jedes Lebensalter, und vollends nicht jeder Ort, jede Zeit, jeder Zuhörer darf auf dieselbe Weise in Worten und Gedanken behandelt werden, sondern man hat immer in jedem Teil der Rede wie des Lebens zu beachten, was sich schickt;
quod et in re de qua agitur positum est et in personis et eorum qui dicunt et eorum qui audiunt.und dieses beruht teils in dem Gegenstand, um den es sich handelt, teils in den Personen, sowohl der Redner, als der Zuhörer.
Itaque hunc locum longe et late patentem philosophi solent in officiis tractare—non cum de recto ipso disputant, nam id quidem unum est—, grammatici in poetis, eloquentes in omni et genere et parte causarum.Daher pflegen die Philosophen, diesen eine vielfache Anwendung findenden Gegenstand bei den Pflichten zu behandeln — nicht wenn sie von dem eigentlich Rechten sprechen, denn dieses ist nur ein einziges —, die Grammatiker bei den Dichtern, die Redner bei jeder Gattung und bei jedem Teil der Rechtsangelegenheiten.
Quam enim indecorum est, de stillicidiis cum apud unum iudicem dicas, amplissimis verbis et locis uti communibus, de maiestate populi Romani summisse et subtiliter!Wie unpassend ist es nämlich, wenn man über Dachrinnen vor dem Einzelrichter spricht, erhabene Worte und allgemeine Beweisquellen zu gebrauchen, wenn aber von der Majestät des römischen Volks die Rede ist, schlicht und einfach zu sprechen.

Kapitel 22

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Hic genere toto, at persona alii peccant aut sua aut iudicum aut etiam adversariorum, nec re solum sed saepe verbo; etsi sine re nulla vis verbi est, tamen eadem res saepe aut probatur aut reicitur alio atque alio elata verbo.Wer das tut, vergeht sich gegen die ganze Gattung, andere gegen die Person, entweder gegen die eigene oder gegen die der Richter oder auch der Gegner, und nicht nur in der Sache, sondern oft im Wort. Wenn auch das Wort ohne die Sache keine Bedeutung hat, so findet doch ein und dieselbe Sache, je nach der verschiedenen Art des Ausdrucks, Beifall oder Missbilligung.
In omnibusque rebus videndum est quatenus;Bei allen Dingen muss man daraus sehen, wie weit (man gehen darf);
etsi enim suus cuique modus est, tamen magis offendit nimium quam parum;denn wenn auch jedes sein bestimmtes Maß hat, so verletzt doch das Zuviel mehr als das Zuwenig.
in quo Apelles pictores quoque eos peccare dicebat qui non sentirent quid esset satis.Hierin fehlen, wie Apelles sagt, auch die Maler, welche nicht erkennen, was hinreichend sei.
Magnus est locus hic, Brute, quod te non fugit, et magnum volumen aliud desiderat;Das ist, wie dir, mein Brutus, nicht unbekannt ist, ein wichtiger Punkt, und erfordert ein besonderes großes Buch;
sed ad id quod agitur illud satis.aber für die gegenwärtige Ausgabe genügt dieses.
Cum hoc decere—quod semper usurpamus in omnibus dictis et factis, minimis et maximi—cum hoc, inquam, decere dicimus, illud non decere, et id usquequaque quantum sit appareat in alioque ponatur aliudque totum sit, utrum decere an oportere dicas;Wenn wir sagen: ''Das schickt sich", welchen Ausdruck wir bei allen Worten und Handlungen, den kleinsten und den größten anwenden, wenn wir also sagen: "Dieses schickt sich, jenes schickt sich nicht", und die Wichtigkeit des Schicklichen überall hervortritt, und da es auf etwas anderem beruht und etwas ganz anderes ist, ob man sagt: "Es schickt sich, das zu tun" oder "man soll das tun".
oportere enim perfectionem declarat offici, quo et semper utendum est et omnibus, decere quasi aptum esse consentaneumque tempori et personae; quod cum in factis saepissime tum in dictis valet, in vultu denique et gestu et incessu, contraque item dedecere; quod si poeta fugit ut maximum vitium, qui peccat etiam, cum probi orationem adfingit improbo stultove sapientis; si denique pictor ille vidit, cum in immolanda Iphigenia tristis Calchas esset, tristior Vlixes, maereret Menelaus, obvolvendum caput Agamemnonis esse, quoniam summum illum luctum penicillo non posset imitari; si denique histrio quid deceat quaerit, quid faciendum oratori putemus?—Sed cum hoc tantum sit, quid in causis earumque quasi membris faciat orator viderit: illud quidem perspicuum est, non modo partis orationis sed etiam causas totas alias alia forma dicendi esse tractandas.Denn "sollen" zeigt eine vollkommene Pflicht an, die immer und von Allen in Ausübung gebracht werden muss, ''schicklich" heißt, der Zeit und der Person passend und angemessen sein, was sowohl bei Handlungen sehr oft, wie auch in Worten von Bedeutung ist, endlich auch im Mienenspiel, in der Bewegung, im Einhergehen — und da wir im Gegensatz davon sagen: ''Es schickt sich nicht; wenn das der Dichter als den größten Fehler meidet, welcher sich auch in dem Falle vergeht, wenn er in seiner Dichtung die Rede eines rechtschaffenen Mannes einem Ruchlosen oder die eines Weisen einem Toren in den Mund legt, wenn endlich jener Maler eingesehen, dass er, da Kalchas wegen der Opferung der Iphigenie traurig ist, betrübter noch Ulixes und Menelaus in Gram versunken ist, Agamemnons Haupt verhüllen müsse, weil er die tiefste Trauer mit dem Pinsel nachzuahmen nicht imstande wäre; wenn endlich der Schauspieler nach dem fragt, was sich ziemt, was sollte da der Redner wohl tun müssen! — da dieses nun aber von so großer Wichtigkeit ist, so möge der Redner darauf sehen, was er bei den Gegenständen selbst und in den Teilen derselben zu tun habe. Soviel wenigstens ist klar, dass nicht nur die Teile der Rede, sondern der ganze Gegenstand der Verhandlung bald die eine, bald die andere Form des Ausdrucks erfordert.

Kapitel 23

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Sequitur ut cuiusque generis nota quaeratur et formula:Zunächst haben wir nun die Kennzeichen und die Vorschriften einer jeden Gattung zu suchen.
magnum opus et arduum, ut saepe iam diximus;Ein großes und schwieriges Werk, wie ich oft gesagt habe;
sed ingredientibus considerandum fuit quid ageremus, nunc quidem iam quocumque feremur danda nimirum vela sunt.doch beim Beginnen musste ich bedenken, was ich vornehme, jetzt muss ich natürlich segeln, wohin der Wind mich treibt.
Ac primum informandus est ille nobis quem solum quidem vocant Atticum.Zuerst müssen wir nun den Redner darstellen, den manche ausschließlich einen Attiker nennen.
Summissus est et humilis, consuetudinem imitans, ab indisertis re plus quam opinione differens.Er ist gelassen und ohne Schwung, ahmt die gewöhnliche Ausdrucksweise nach, er unterscheidet sich von denen, die nicht Redner sind, mehr in der Wirklichkeit, als in der Meinung (der Leute).
Itaque eum qui audiunt, quamvis ipsi infantes sint, tamen illo modo confidunt se posse dicere.Daher getrauen sich die Zuhörer, obschon sie selbst nicht reden können, dennoch in solcher Weise sprechen zu können.
Nam orationis subtilitas imitabilis illa quidem videtur esse existimanti, sed nihil est experienti minus. Etsi enim non plurimi sanguinis est, habeat tamen sucum aliquem oportet, ut, etiam si illis maximis viribus careat, sit, ut ita dicam, integra valetudine.Denn dem (oberflächlich) Urteilenden scheint die schlichte Rede nachahmbar; aber für den, der den Versuch macht, ist nichts weniger leicht. Wenn sie auch nicht vollblütig ist, so muss sie doch einigen Saft haben, damit sie, wenn sie auch jener großen Stärke ermangelt, doch, wenn ich so sagen darf, vollkommen gesund sei.
Primum igitur eum tamquam e vinculis numerorum eximamus.Zuerst nun wollen wir diesen Redner von den Fesseln des Rhythmus befreien.
Sunt enim quidam, ut scis, oratorii numeri, de quibus mox agemus, observandi ratione quadam, sed alio in genere orationis, in hoc omnino relinquendi. Solutum quiddam sit nec vagum tamen, ut ingredi libere, non ut licenter videatur errare. Verba etiam verbis quasi coagmentare neglegat.Denn der Redner hat, wie du weißt, gewisse Rhythmen, von denen wir bald handeln werden, in methodischer Weise zu beobachten, aber in einer andern Gattung der Rede; in dieser muss er ihn ganz zurücklassen. Sie soll gewissermaßen ungebunden sein, aber nicht ohne Ziel und Plan, sodass sie frei einherzuschreiten, nicht zügellos umherzuschweifen scheint.
Verba etiam verbis quasi coagmentare neglegat.Wort an Wort eng aneinanderzufügen, darf er unterlassen;
Habet enim ille tamquam hiatus et concursus vocalium molle quiddam et quod indicet non ingratam neglegentiam de re hominis magis quam de verbis laborantis.das Auseinanderklaffen der Worte und Zusammentreffen der Vokale gewährt dem Ausdruck eine gewisse Weichheit und bekundet die nicht unangenehme Nachlässigkeit eines Menschen, der sich mehr um die Sache als um die Worte kümmert.
Sed erit videndum de reliquis, cum haec duo ei liberiora fuerint, circuitus conglutinatioque verborum.Aber während er in diesen beiden Punkten, im Periodenbau und in der Zusammenfügung der Worte größere Freiheit hat, wird es in Betreff des übrigen der Aufmerksamkeit bedürfen.
Illa enim ipsa contracta et minuta non neglegenter tractanda sunt, sed quaedam etiam neglegentia est diligens.Denn gerade jene knappe und abgebrochene Redeweise darf nicht ohne Sorgfalt behandelt werden, sondern es gibt eine Art sorgfältiger Nachlässigkeit.
Nam ut mulieres esse dicuntur non nullae inornatae, quas id ipsum deceat, sic haec subtilis oratio etiam incompta delectat;Denn wie man von manchen ungeschmückten Frauen sagt, dass gerade dieses (die Schmucklosigkeit) ihnen wohl steht, so ergötzt auch diese schlichte, ungeschmückte Rede;
fit enim quiddam in utroque, quo sit venustius, sed non ut appareat.bei beiden geschieht etwas, wodurch sie schöner werden, aber so, dass es nicht in die Augen fällt.
Tum removebitur omnis insignis ornatus quasi margaritarum, ne calamistri quidem adhibebuntur;Ferner muss jede auffallende Zierde, wie Perlenschmuck, ferngehalten werden, ja selbst das Brenneisen werde nicht angewendet.
fucati vero medicamenta candoris et ruboris omnia repellentur;Vollends müssen die Schönheitsmittel der roten und weißen Schminke zurückgewiesen werden;
elegantia modo et munditia remanebit.nur Geschmack und Reinheit soll bleiben.
Sermo purus erit et Latinus, dilucide planeque dicetur, quid deceat circumspicietur;Die Rede sei fehlerfrei und in gutem Latein; er spreche klar und deutlich, und er beachte genau, was sich schickt.

Kapitel 24

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unum aberit, quod quartum numerat Theophrastus in orationis laudibus: ornatum illud, suave et adfluens.Nur das Eine wird fehlen, was Theophrast als den vierten unter den Vorzügen der Rede ausführt, jener Schmuck, den die Anmut und die Fülle gewährt.
Acutae crebraeque sententiae ponentur et nescio unde ex abdito erutae; ac—quod in hoc oratore dominabitur verecundus erit usus oratoriae quasi supellectilis.Scharfsinnige und zahlreiche, aus verborgener Tiefe zutage geförderte Sentenzen wird er anwenden. Darin nun wird dieser Redner seine Stärke suchen; aber schüchtern wird er in Benutzung des rednerischen Hausrats sein.
Supellex est enim quodam modo nostra, quae est in ornamentis, alia rerum alia verborum.Denn wir haben doch eine Art Hausrat, der in Schmuckgegenständen teils der Gedanken, teils der Worte besteht.
Ornatus autem verborum duplex: unus simplicium alter conlocatorum.Der Schmuck der Worte ist doppelter Art, die eine betrifft die einzelnen Wörter, die andere die Worte in ihrer Zusammenstellung.
Simplex probatur in propriis usitatisque verbis, quod aut optime sonat aut rem maxime explanat; in alienis aut translatum et factum aliunde ut mutuo, aut factum ab ipso ac novum aut priscum et inusitatum; sed etiam inusitata ac prisca sunt in propriis, nisi quod raro utimur.Was nun das einzelne Wort betrifft, so empfiehlt sich von den Wörtern, welche im eigentlichen Sinne gebraucht werden, und von den üblichen Wörtern dasjenige, welches am besten klingt, oder den Begriff am meisten verdeutlicht; von denen im uneigentlichen Sinne entweder das übertragene, oder das vom Redner selbst gebildete, oder das Altertümliche und Ungebräuchliche. Aber auch unter den Wörtern, die im eigentlichen Sinne gebraucht werden, gibt es ungebräuchliche und altertümliche, nur dass wir sie selten anwenden.
Conlocata autem verba habent ornatum, si aliquid concinnitatis efficiunt, quod verbis mutatis non maneat manente sententia;Die Wortverbindung bietet einen Redeschmuck, wenn sie eine kunstgerechte Zusammenstellung bewirkt, welche mit Veränderung der Worte wegfällt, während der Sinn bleibt.
nam sententiarum ornamenta quae permanent, etiam si verba mutaveris, sunt illa quidem permulta, sed quae emineant pauciora.Denn was die schmückenden Ausstattungen der Gedanken betrifft, welche bleiben, auch wenn man die Worte ändert, so gibt es deren zwar viele, allein nur wenige, die hervortreten.
Ergo ille tenuis orator, modo sit elegans, nec in faciendis verbis erit audax et in transferendis verecundus et parcus et in priscis in reliquisque ornamentis et verborum et sententiarum demissior;Es wird daher jener schlichte Redner, wenn er nur geschmackvoll ist, in der Bildung neuer Worte nicht kühn sein, vorsichtig mit den Wörtern in übertragener Bedeutung, und sparsam mit den altertümlichen umgehen, mit den übrigen Zierraten in Worten und Gedanken wird er etwas bescheiden verfahren;
ea translatione fortasse crebrior, qua frequentissime sermo omnis utitur non modo urbanorum, sed etiam rusticorum:der Übertragung (Metapher) mag er sich vielleicht häufiger bedienen, denn jede Sprache, nicht nur die der Städter, sondern auch die der Landleute, ist reich daran, da doch bei ihnen die Ausdrücke vorkommen:
si quidem est eorum gemmare vitis, sitire agros, laetas esse segetes, luxuriosa frumenta.Die Weinstöcke treiben Augen, "die Felder dürsten", "die Saaten sind fröhlich", "das Getreide üppig".
Nihil horum parum audacter, sed aut simile est illi unde transferas, aut si res suum nullum habet nomen, docendi causa sumptum, non ludendi videtur. Hoc ornamento liberius paulo quam ceteris utetur hic summissus, nec tam licenter tamen quam si genere dicendi uteretur amplissimo;Alles das ist kühn genug; aber es ist entweder dem ähnlich, von dem man es entlehnt, oder, wenn ein Begriff nicht seinen eigenen Namen hat, so erscheint es zur Verdeutlichung, nicht zur Spielerei angewendet. Diesen Schmuck wird also unser schlichter Redner mit etwas größerer Freiheit gebrauchen, als die übrigen Zierden, doch nicht so uneingeschränkt, als ob er sich der erhabenen Gattung der Rede bediente.

Kapitel 25

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itaque illud indecorum, quod quale sit ex decoro debet intellegi, hic quoque apparet, cum verbum aliquod altius transfertur idque in oratione humili ponitur quod idem in alia deceret.So zeigt sich auch hier das Unschickliche — dessen Beschaffenheit aus dem Schicklichen erkannt werden muss —, wenn ein Wort in zu kühner Weise übertragen und in der niedrigen Redegattung gebraucht wird, was sich in einer andern schicken würde.
Illam autem concinnitatem, quae verborum conlocationem inluminat eis luminibus quae Graeci quasi aliquos gestus orationis schemata appellant, quod idem verbum ab eis etiam in sententiarum ornamenta transfertur, adhibet hic quidem subtilis, quem nisi quod solum ceteroqui recte quidam vocant Atticum, sed paulo parcius; nam sic ut in epularum apparatu a magnificentia recedens non se parcum solum sed etiam elegantem videri volet, et eliget quibus utatur;Die kunstgerechte Zusammenstellung aber, welche die Worte in ihrer Verbindung mit den glänzenden Lichtern schmückt, die gewissermaßen als Figuren der Rede von den Griechen mit dem Namen Schemata [griechisches Wort] bezeichnet werden — ein Wort, das von ihnen auch auf den Schmuck der Gedanken übertragen wird — wendet dieser schlichte Redner (dem manche, ausgenommen, dass sie ihn allein für einen solchen halten, übrigens mit Recht den Namen eines attischen Redners beilegen) zwar an, aber ein wenig sparsamer. Wie einer, der bei Zubereitung eines Schmauses sich von Prunk fernhält, dennoch sich nicht nur als einen Sparsamen, sondern auch als einen Mann von Geschmack zeigen will, so wird er eine Auswahl treffen.
sunt enim pleraque apta huius ipsius oratoris de quo loquor parsimoniae. Nam illa de quibus ante dixi huic acuto fugienda sunt: paria paribus relata et similiter conclusa eodemque pacto cadentia et immutatione litterae quasi quaesitae venustates, ne elaborata concinnitas et quoddam aucupium delectationis manifesto deprehensum appareat;Denn die meisten dieser Figuren sind zu sparsamem Gebrauch gerade dieses Redners, von dem ich spreche, geeignet. Denn jene oben erwähnten Punkte, gleiche, einander entsprechende Sätze, ähnliche Schlüsse und Schlüsse mit demselben Tonfall, gefügte Zierlichkeiten durch Änderung eines Buchstabens muss dieser scharfsinnige Redner vermeiden, damit nicht eine erkünstelte Wortstellung und eine gewisse Jagd auf Ergötzung greifbar zutage trete.
itemque si quae verborum iterationes contentionem aliquam et clamorem requirent, erunt ab hac summissione orationis alienae; ceteris promiscue poterit uti, continuationem verborum modo relaxet et dividat utaturque verbis quam usitatissimis, translationibus quam mollissimis; etiam illa sententiarum lumina adsumet, quae non erunt vehementer inlustria. Non faciet rem publicam loquentem nec ab inferis mortuos excitabit nec acervatim multa frequentans una complexione devinciet. Valentiorum haec laterum sunt nec ab hoc, quem informamus, aut exspectanda aut postulanda; erit enim ut voce sic etiam oratione suppressior.Ebenso werden jene Wiederholungen der Worte, welche eine Anstrengung und Erhebung der Stimme verlangen, von jener niederen Redegattung fern bleiben. Der übrigen Ausschmückungsmittel wird er sich ohne Unterschied bedienen können, wenn er nur die Periode locker hält und in kleine Sätze zerlegt, die möglichst gebräuchlichen Wörter, möglichst wenig auffallende Übertragungen anwendet; auch wird er solche Gedankenfiguren wählen, die nicht sehr glänzend sind. Er wird nicht den Staat redend entführen, nicht die Toten aus der Unterwelt hervorrufen, nicht viele Gedanken, die er hauenweise sammelt, zu einer Periode verbinden. Dazu gehört eine starke Brust, und das ist von dem Redner, den wir jetzt darstellen, weder zu erwarten, noch zu verlangen; denn der wird so wie in der Stimme, so auch im Ausdruck sich ruhiger verhalten.
Sed pleraque ex illis convenient etiam huic tenuitati, quamquam isdem ornamentis utetur horridius;Doch werden die meisten Gedankenfiguren auch für diesen schlichten Redner passen, obschon er sich desselben Schmuckes etwas ungefügiger bedienen wird;
talem enim inducimus.denn als einen solchen führen wir ihn ja ein.
Accedet actio non tragica nec scaenae, sed modica iactatione corporis, vultu tamen multa conficiens;Dazu wird noch ein Vortrag kommen, der nicht wie der des tragischen Schauspielers, noch wie auf der Bühne, sondern mit mäßiger Bewegung des Körpers verbunden ist.
non hoc quo dicuntur os ducere, sed illo quo significant ingenue quo sensu quidque pronuntient.Vieles jedoch durch das Mienenspiel verrichtet, nicht mit der Art Mienenspiel, die man Gesichter schneiden nennt, sondern so, dass der Sinn dessen, was er vorträgt, dadurch treu bezeichnet werde.

Kapitel 26

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Huic generi orationis aspergentur etiam sales, qui in dicendo nimium quantum valent;Bei dieser Redegattung darf auch etwas Witz eingestreut (angewendet) werden, denn der Witz vermag sehr viel in der Rede.
quorum duo genera sunt, unum facetiarum, alterum dicacitatis.Es gibt zwei Arten desselben, den feinen und den beißenden Witz.
Vtetur utroque; sed altero in narrando aliquid venuste, altero in iaciendo mittendoque ridiculo, cuius genera plura sunt; sed nunc aliud agimus.Er wird beide gebrauchen, den einen, wenn er etwas anmutig erzählt, den anderen, wenn er mit dem Pfeil des Spottes etwas lächerlich macht; auch davon gibt es mehrere Arten, doch jetzt haben wir anderes zu behandeln.
Illud admonemus tamen ridiculo sic usurum oratorem ut nec nimis frequenti ne scurrile sit, nec subobsceno ne mimicum, nec petulanti ne improbum, nec in calamitatem ne inhumanum, nec in facinus ne odii locum risus occupet, neque aut sua persona aut iudicum aut tempore alienum. haec enim ad illud indecorum referuntur.Auf Folgendes nur machen wir aufmerksam: der Redner wird das Lächerliche so anwenden, dass es nicht zu oft vorkommt, dass mit es nicht possenhaft werde; auch nicht mit Gemeinheit, wie ein Mimus; nicht mit Mutwillen, damit er nicht unverschämt erscheint; nicht gegen das Unglück, damit er nicht für ungebildet gehalten wird, nicht auf eine Missetat, damit nicht Gelächter an die Stelle des Abscheus tritt; nicht der eigenen Person, oder der der Richter oder der Zeit unangemessen, denn das gehört ins Gebiet des Unschicklichen, von dem wir gesprochen haben.
Vitabit etiam quaesita nec ex tempore ficta, sed domo adlata, quae plerumque sunt frigida. Parcet et amicitiis et dignitatibus, vitabit insanabilis contumelias, tantum modo adversarios figet nec eos tamen semper nec omnis nec omni modo. Quibus exceptis sic utetur sale et facetiis, ut ego ex istis novis Atticis talem cognoverim neminem, cum id certe sit vel maxime Atticum.Er wird auch die gesuchten, nicht auf der Stelle geschaffenen, sondern von Hause mitgebrachten Witze vermeiden, welche meistenteils frostig sind, Freundschaft und Würde wird er schonen, unheilbare Beschimpfungen meiden; nur die Gegner wird er treffen, und auch nicht immer, nicht alle und nicht auf jede Weise. Mit diesen Ausnahmen wird er sich des Witzes und der Laune so bedienen, wie es, so viel ich weiß, von jenen neuen Attikern noch keiner getan hat, obschon dieses gewiss am meisten attisch ist.
Hanc ego iudico formam summissi oratoris, sed magni tamen et germani Attici; quoniam quicquid est salsum aut salubre in oratione, id proprium Atticorum est. E quibus tamen non omnes faceti: Lysias satis et Hyperides, Demades praeter ceteros fertur, Demosthenes minus habetur; quo quidem mihi nihil videtur urbanius, sed non tam dicax fuit quam facetus; est autem illud acrioris ingeni, hoc maioris artis.Dies halte ich für das Ideal des schlichten Redners, der aber doch ein großer Redner und wirklicher Attiker ist, weil alles, was in der Rede frisch und gesund ist, den Attikern eigentümlich ist, von denen jedoch nicht alle witzig sind. Lysias und Hyperides sind ziemlich witzig, Demades soll es vor anderen gewesen sein, weniger wird Demosthenes dafür gehalten; an Feinheit der Rede freilich, wie ich glaube, von niemandem übertroffen; aber er war nicht sowohl schlagfertig als auch fein (in seinem Witze). Jenes erfordert einen rascheren Geist, dieses höhere Kunstbildung.
Vberius est aliud aliquantoque robustius quam hoc humile de quo dictum est, summissius autem quam illud de quo iam dicetur amplissimum. Hoc in genere nervorum vel minimum, suavitatis autem est vel plurimum. Est enim plenius quam hoc enucleatum, quam autem illud ornatum copiosumque summissius.Reicher ist eine andere Gattung der Rede, und viel kräftiger als diese schlichte, von der wir gesprochen haben; aber doch niedriger, als die erhabenste, von der wir bald sprechen werden. In dieser Gattung ist wohl am wenigsten markige Kraft, aber am meisten Anmut. Denn sie ist voller, als diese schmucklose, schlichter als jene glänzende und reiche Gattung.

Kapitel 27

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Huic omnia dicendi ornamenta conveniunt plurimumque est in hac orationis forma suavitatis.Für sie passt jeder Schmuck der Rede, und in dieser Gattung der Rede findet sich die meiste Anmut.
In qua multi floruerunt apud Graecos, sed Phalereus Demetrius meo iudicio praestitit ceteris, cuius oratio cum sedate placideque liquitur, tum inlustrant eam quasi stellae quaedam translata verba atque immutata.Viele haben sich in ihr bei den Griechen ausgezeichnet; aber alle übertraf, nach meinem Urteil, Demetrius von Phaleros, dessen Rede teils ruhig und gefällig dahingleitet teils durch übertragene und vertauschte Wörter wie durch Sterne geschmückt wird.
Translata dico, ut saepe iam, quae per similitudinem ab alia re aut suavitatis aut inopiae causa transferuntur;Übertragene Wörter nenne ich, wie schon oft bemerkt, solche, die anders woher wegen ihrer Ähnlichkeit, entweder um der Rede Anmut zu geben oder aus Mangel entnommen werden;
immutata, in quibus pro verbo proprio subicitur aliud quod idem significet sumptum ex re aliqua consequenti.vertauschte Wörter die, in welchen für ein Wort mit ursprünglicher Bedeutung ein anderes untergeschoben wird, was von einem mit ihm zusammenhängenden Begriffe hergenommen, dasselbe bedeuten soll.
Quod quamquam transferendo fit, tamen alio modo transtulit cum dixit Ennius arce et urbe orba sum, alio modo, [si pro patria arcem dixisset; et] ~horridam Africam terribili tremere tumultu [cum dicit pro Afris immutate Africam]: hanc hypallagen rhetores, quia quasi summutantur verba pro verbis, metonymian grammatici vocant, quod nomina transferuntur;Obgleich dieses durch Übertragung geschieht, so ist es doch eine andere Art der Übertragung, wenn Ennius sagt: arce et urbe orba sum (von Burg und Stadt bin ich verwaist) für 'das Vaterland, und wenn er sagt: horridam Africam terribili tremere tumultu (das rauhe Afrika erzittert vor schrecklichem Aufruhr), wo er für "Afrikaner" "Afrika" setzt. Die Rhetoren nennen dieses [griechisches Wort], weil gewissermaßen Worte für andere Worte genommen werden, die Grammatiker [griechisches Wort], weil Benennungen in veränderter Bedeutung gebraucht werden.
Aristoteles autem translationi et haec ipsa subiungit et abusionem nem, quam katachresin vocat, ut cum minutum dicimus animum pro parvo; et abutimur verbis propinquis, si opus est vel quod delectat vel quod decet. Iam cum fluxerunt continuo plures translationes, alia plane fit oratio; itaque genus hoc Graeci appellant allegorian: nomine recte, genere melius ille qui ista omnia translationes vocat. Haec frequentat Phalereus maxime suntque dulcissima; et quamquam translatio est apud eum multa, tamen immutationes nusquam crebriores.Aristoteles rechnet auch diese Ausdruckweise unter die Übertragung, ebenso wie die uneigentliche Anwendung (abusio), welche sie [griechisches Wort] nennen, wenn wir zum Beispiel "verringerter Mut" für "Kleinmut" sagen, und verwandte Wörter, wo es dienlich ist, sei es der Ergötzlichkeit, sei es der Schicklichkeit wegen, in einem anderen Sinne anwenden, als es Brauch ist. Wenn ferner mehrere uneigentliche Ausdrücke in einem Zusammenhange hintereinander dahinströmen, erhält dadurch die Rede eine ganz andere Gestalt. Die Griechen nennen daher diese Art des Ausdrucks [griechisches Wort], dem Namen nach richtig, der Sache nach verfährt der besser, welcher dieses alles Übertragungen (tralationes) nennt. Oft wendet der Phalereer sie an, und sie sind sehr lieblich, und obgleich die Übertragung bei ihm vorkommt, so sind doch die Wortvertauschungen nirgends häufiger als bei ihm.
In idem genus orationis—loquor enim de illa modica ac temperata—verborum cadunt lumina omnia, multa etiam sententiarum; latae eruditaeque disputationes ab eodem explicabuntur et loci communes sine contentione dicentur. Quid multa? E philosophorum scholis tales fere evadunt; et nisi coram erit comparatus ille fortior, per se hic quem dico probabitur.In eben diese Redegattung — ich rede nämlich von jener mittleren und gemäßigten — fallen alle Glanzlichter des Ausdrucks, auch viele Gedankenfiguren; tiefe und gelehrte Erörterungen werden von diesem Redner ausgeführt und Gemeinplätze (allgemeine Wahrheiten) ohne hohen Schwung vorgetragen, kurz: Redner dieser Gattung gehen in der Regel aus der Schule der Philosophen hervor; und wenn jener tüchtigere (Redner) nicht persönlich zur Begleichung gegenübergestellt wird, so wird der Redner, von dem ich spreche, für sich allein betrachtet, Beifall finden.
Est enim quoddam etiam insigne et florens orationis pictum et expolitum genus, in quo omnes verborum, omnes sententiarum inligantur lepores. Hoc totum e sophistarum fontibus defluxit in forum, sed spretum a subtilibus, repulsum a gravibus in ea de qua loquor mediocritate consedit.Denn es gibt (hier) bei den Philosophen, auch eine ausgezeichnete, blühende, geschmückte und fein geglättete (gefeilte) Art der Rede, in welche alle Feinheit in Wort und Gedanken eingeflochten werden. Ganz und gar aus den Quellen der Sophisten hervorgegangen, verbreiteten sie sich über das Forum; allein, verschmäht von den Rednern der schlichten, zurückgewiesen von denen der erhabenen Gattung, hat sie in dieser mittleren Gattung, von der ich rede; ihren Platz gefunden.

Kapitel 28

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Tertius est ille amplus copiosus, gravis ornatus, in quo profecto vis maxima est.Der Redner der dritten Gattung ist jener erhabene, reiche, ansehnliche, schmuckvolle, welcher in der Tat die höchste Kraft besitzt.
Hic est enim, cuius ornatum dicendi et copiam admiratae gentes eloquentiam in civitatibus plurimum valere passae sunt, sed hanc eloquentiam, quae cursu magno sonituque ferretur, quam suspicerent omnes, quam admirarentur, quam se adsequi posse diffiderent.Dieser nämlich ist es, dessen Schmuck und Fülle der Rede die Völker bewunderten und (daher) der Beredsamkeit den größten Einfluss in den Staaten einräumten, aber einer Beredsamkeit, welche in mächtigem Strom und mit starkem Getöse dahinbraust, die alle hochachten, bewundern, und sich nicht getrauen, erreichen zu können.
Huius eloquentiae est tractare animos, huius omni modo permovere.Diese Beredsamkeit vermag es, die Gemüter zu lenken, sie in jeder Weise in Bewegung zu setzen;
Haec modo perfringit, modo inrepit in sensus; inserit novas opiniones, evellit insitas.bald bricht sie sich mit Gewalt Bahn, bald schleicht sie sich unbemerkt in das Herz, pflanzt neue Meinungen ein, reißt eingewurzelte (Meinungen) aus.
Sed multum interest inter hoc dicendi genus et superiora.Doch es ist ein großer Unterschied zwischen dieser Redeweise und der vorhergehenden.
Qui in illo subtili et acuto elaboravit ut callide arguteque diceret, nec quicquam altius cogitavit, hoc uno perfecto magnus orator est, et si non maximus;Wer sich in jener schlichten und scharfen Gattung bemüht hat, sodass er mit Gewandtheit und mit Scharfsinn sprechen kann und nichts Höheres im Sinne hat, der ist, wenn er es in dieser einen Redegattung zur Vollkommenheit gebracht hat, schon ein großer Redner, wenn auch nicht der größte;
minimeque in lubrico versabitur et, si semel constiterit, numquam cadet.er wird sich am wenigsten auf schlüpfrigem Boden bewegen und, wenn er einmal festen Fuß gefasst hat, nie fallen.
Medius ille autem, quem modicum et temperatum voco, si modo suum illud satis instruxerit, non extimescet ancipites dicendi incertosque casus;Der (zwischen beiden Gattungen) in der Mitte stehende Redner, den ich den gemäßigten und gemischten nenne, wird gefahrvolle und unsichere Redefälle nicht fürchten, wenn er sich nur in jenes sein Eigentum gehörig einstudiert hat.
etiam si quando minus succedit, ut saepe fit, magnum tamen periculum non adibit: alte enim cadere non potest.Auch wenn einmal der Erfolg minder gut ist, wie es oft geschieht, wird er sich dennoch keiner großen Gefahr unterziehen, denn tief kann er nicht fallen.
At vero hic noster, quem principem ponimus, gravis acer ardens, si ad hoc unum est natus aut in hoc solo se exercuit aut huic generi studuit uni nec suam copiam cum illis duobus generibus temperavit, maxime est contemnendus. Ille enim summissus, quod acute et veteratorie dicit, sapiens iam, medius suavis, hic autem copiosissimus, si nihil aliud est, vix satis sanus videri solet. Qui enim nihil potest tranquille, nihil leniter, nihil partite definite distincte facete dicere, praesertim cum causae partim totae sint eo modo partim aliqua ex parte tractandae si is non praeparatis auribus inflammare rem coepit, furere apud sanos et quasi inter sobrios bacchari vinulentus videtur.Dieser unser Redner aber, den ich als den vorzüglichsten einstelle, dieser würdevolle, mutige, feurige, wenn er nur für diese eine Gattung geschaffen ist, oder in ihr allein sich übt, oder auf sie ausschließlich seinen Fleiß verwendet und seine Rednerfülle nicht durch Verbindung mit jenen beiden Gattungen gemäßigt hat, der wird ganz und gar nicht zu beachten sein. Denn der schlichte Redner, da er treffend und gewandt spricht, ist verständig, der der mittleren Gattung ist angenehm; dieser aber mit seiner großen Fülle pflegt kaum für geistig gesund zu gelten, wenn ihm nichts anderes zu Gebot steht. Denn wer nicht ruhig, nicht sanft, nicht mit gehöriger Einteilung, Begrenzung, Unterscheidung und in gefälliger Weise zu sprechen vermag, und das, obgleich der Gegenstand (der Rede) ganz und gar oder teilweise aus diese Art behandelt werden muss, wenn dieser, ohne die Zuhörer darauf vorbereitet zu haben, die Sache gleich am Anfang in Flammen setzt, der erscheint vor Vernünftigen wie toll und gleichsam unter Nüchternen trunken zu schwärmen.

Kapitel 29

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Tenemus igitur, Brute, quem quaerimus, sed animo;So haben wir denn, mein Brutus, den Redner, den wir suchen, aber im Geiste, nicht in der Hand.
nam manu si prehendissem, ne ipse quidem sua tanta eloquentia mihi persuasisset ut se dimitterem.Hätte ich ihn bei der Hand genommen, so würde er selbst durch seine so große Beredsamkeit mich nicht überredet haben, dass ich ihn losließe.
Sed inventus profecto est ille eloquens, quem numquam vidit Antonius.Aber gefunden ist in der Tat jener vollkommene Redner, den Antonius nie gesehen hat.
Quis est igitur is?Wer ist es also?
Complectar brevi, disseram pluribus.Ich will es kurz zusammenfassen und ausführlicher auseinandersetzen.
Is est enim eloquens, qui et humilia subtiliter et alta graviter et mediocria temperate potest dicere.Der ist ein vollkommener Redner, der das Niedrige schlicht, das Erhabene mit Würde, das zwischen beiden Liegende in rechter Mischung vorzutragen vermag.
Nemo is, inquies, umquam fuit.Nie hat es," wirst du sagen,"einen solchen Redner gegeben.
Ne fuerit.Mag auch ein solcher noch nie existiert haben;
Ego enim quid desiderem, non quid viderim disputo redeoque ad illam Platonis de qua dixeram rei formam et speciem, quam etsi non cernimus, tamen animo tenere possumus.ich sage nämlich, was ich verlange, nicht was ich gesehen habe, und kehre zu dem erwähnten Ideal des Plato zurück, das wir zwar nicht schauen, jedoch im Geiste festhalten können.
Non enim eloquentem quaero neque quicquam mortale et caducum, sed illud ipsum, cuius qui sit compos, sit eloquens;Denn nicht den Redner suche ich, nicht etwas Sterbliches und Hinfälliges, sondern dasjenige selbst, wodurch der, welcher dessen teilhaftig ist, zum vollkommenen Redner wird;
quod nihil est aliud nisi eloquentia ipsa, quam nullis nisi mentis oculis videre possumus.das ist aber nichts anderes als die Beredsamkeit selbst, die wir nur mit den Augen des Geistes sehen können.
Is erit igitur eloquens, ut idem illud iteremus, qui poterit parva summisse, modica temperate, magna graviter dicere.Der also wird ein vollkommener Redner sein, um dasselbe zu wiederholen, der das Geringe in schlichter Weise, das Mittelmäßige in gemäßigtem Tone, das Große mit Würde vorzutragen vermag.
Tota mihi causa pro Caecina de verbis interdicti fuit: res involutas definiendo explicavimus, mus, ius civile laudavimus, verba ambigua distinximus. Fuit ornandus in Manilia lege Pompeius: temperata oratione ornandi copiam persecuti sumus. Ius omne retinendae maiestatis Rabiri causa continebatur: ergo in ea omni genere amplificationis exarsimus.In dem ganzen Prozess, den ich für Cäcina führte, handelte es sich um die Worte des Interdicts, da habe ich das Eingehüllte (das Dunkle) durch Begriffsbestimmung verdeutlicht, das bürgerliche Gesetz angeführt, zweideutige Worte unterschieden. Beim manilischen Gesetzesvorschlag musste Pompejus gepriesen werden, da suchte ich den ganzen Reichtum des Schmuckes in gemäßigter Rede geltend zu machen. Das ganze Recht der Behauptung der Staatshoheit war in der Sache des Nabirius enthalten, so habe ich denn mit Feuer jede Art der Verherrlichung des Stoffes behandelt.
At haec interdum temperanda et varianda sunt.Aber zuweilen muss eine Mischung und Abwechslung in der Rede stattfinden.
Quod igitur in accusationis septem libris non reperitur gentis?Welche Gattung der Rede fände sich nicht in den sieben Büchern der "Anklage"?
Quod in Habiti?in der Rede für den Habitus?
Quod in Corneli?in der für den Cornelius?
Quod in plurimis nostris defensionibus?in den meisten meiner Verteidigungsreden?
Quae exempla selegissem, nisi vel nota esse arbitrarer vel ipsi possent legere qui quaererent.Beispiele, die ich ausgewählt haben würde, wenn ich nicht glaubte, sie wären bekannt, oder jeder, der danach sucht, könne sie auswählen.
Nulla est enim ullo in genere laus [oratoris] cuius in nostris orationibus non sit aliqua si non perfectio, at conatus tamen atque adumbratio.Denn es gibt keinen Vorzug des Redners in irgendeiner Gattung, von dem nicht in unseren Reden, wenn auch nicht etwas Vollkommenes, doch ein Versuch und ein Umriß (eine Skizze) vorhanden wäre.
Non adsequimur; at quid sequi deceat videmus.Ich erreiche (das Ziel) nicht, allein ich erkenne, was dem Redner ziemt.
Nec enim nunc de nobis, sed de re dicimus;Denn nicht von mir spreche ich, sondern von der Sache.
in quo tantum abest ut nostra miremur, et usque eo difficiles ac morosi sumus, ut nobis non satis faciat ipse Demosthenes; qui quamquam unus eminet inter omnis in omni genere dicendi, tamen non semper implet auris meas; ita sunt avidae et capaces et saepe aliquid immensum infinitumque desiderant.Und weit entfernt, hierin meine eigenen Leistungen zu bewundern, bin ich sogar in dem Grade schwer zu befriedigen und wunderlich, dass selbst Demosthenes mir nicht Genüge leistet. Obgleich er in jeder Art der Beredsamkeit einzig unter allen hervorragt, füllt er doch nicht immer vollständig mein Ohr aus, so sehr begehrlich und unersättlich ist es und verlangt immer etwas Unermessliches und Unbegrenztes.

Kapitel 30

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Sed tamen, quoniam et hunc tu oratorem cum eius studiosissimo Pammene, cum esses Athenis, totum diligentissime cognovisti nec eum dimittis e manibus et tamen nostra etiam lectitas, vides profecto illum multa perficere, nos multa conari, illum posse, nos velle quocumque modo causa postulet dicere. Nam ille magnus et successit ipse magnis et maximos oratores habuit aequalis; nos minus. Magnum fecissemus, si quidem potuissemus quo contendimus pervenire in ea urbe in qua, ut ait Antonius, auditus eloquens nemo erat.Weil du aber diesen Redner mit dessen eifrigem Anhänger Pammenes bei deinem Aufenthalt in Athen ganz und gar auf das Sorgfältigste kennengelernt hast und ihn nicht aus den Händen lässt und doch auch meine Schriften wiederholt liest, so siehst du gewiss, dass er vieles ausführte, ich vieles versuchte, dass er die Fähigkeit hatte, ich den guten Willen habe, jedes Mal so zu reden, wie die Sache es erfordert. Aber er (Demosthenes) war ein großer Redner, denn er war selbst der Nachfolger großer Redner und hatte die größten Redner zu Zeitgenossen; ich hätte es weit gebracht, wenn ich zu dem Ziel, das ich erstrebte, hätte in der Stadt gelangen können, in welcher, wie Antonius sagt, nie ein wirklicher Redner gehört worden ist.
Atqui si Antonio Crassus eloquens visus non est aut sibi ipse, numquam Cotta visus esset, numquam Sulpicius, numquam Hortensius;Wenn aber Antonius weder Crassus noch sich selbst für einen Redner gehalten hat, so würde er auch nie den Cotta, nie den Sulpicius, nie den Hortensius dafür gehalten haben.
nihil enim ample Cotta, nihil leniter Sulpicius, non multa graviter Hortensius;Denn Cotta konnte nichts erhaben, Sulpicius nichts sanft, Hortensius nicht viel mit Nachdruck sprechen.
superiores magis ad omne genus apti, Crassum dico et Antonium.Ihre Vorgänger, ich meine Crassus und Antonius, waren mehr für jede Gattung der Rede geeignet.
Ieiunas igitur huius multiplicis et aequabiliter in omnia genera fusae orationis auris civitatis accepimus, easque nos primi, quicumque eramus et quantulumcumque dicebamus, ad huius generis [dicendi] audiendi incredibilia studia convertimus.So fand ich das Ohr der Bürgerschaft unbekannt mit einem so vielfältigen, sich in allen Redegattungen gleichmäßig ergießenden Vortrag, und wer ich auch immer war, und wie mittelmäßig auch mein Vortrag sein mochte, ich brachte sie zuerst dahin, mit unglaublichem Eifer auf diese Gattung der Rede zu hören.
Quantis illa clamoribus adulescentuli diximus [de supplicio parricidarum], quae nequaquam satis defervisse post aliquanto sentire coepimus:Mit welchem Beifall sprach ich nicht als ganz junger Mann jene Worte [von der Strafe der Vatermörder], die, wie ich später zu merken anfing, ganz und gar nicht genug abgeklärt waren.
Quid enim tam commune quam spiritus vivis, terra mortuis, mare fluctuantibus, litus eiectis?Denn was ist so gemein wie der Atem den Lebenden, die Erde den Toten, das Meer den Umhertreibenden, das Gestade den Ausgeworfenen?
Ita vivunt, dum possunt, ut ducere animam de caelo non queant;Doch sie, (die Vatermörder) leben so lange sie können, so, dass sie die Himmelslust nicht atmen können;
ita moriuntur ut eorum ossa terram non tangant;sie sterben so, dass ihre Gebeine die Erde nicht berühren;
ita iactantur fluctibus ut numquam adluantur; ita postremo eiciuntur ut ne ad saxa quidem mortui conquiescant, et quae sequuntur;sie werden so von den Wellen umhergetrieben, dass sie niemals angespült (von ihnen berührt) werden; sie werden endlich so ausgeworfen, dass sie nicht einmal tot an den Felsen eine Ruhestätte finden'' und so weiter.
sunt enim omnia sic ut adulescentis non tam re et maturitate quam spe et exspectatione laudati.Alles dieses zeigt einen Jüngling, der nicht sowohl wegen des Inhalts und der Reise, als wegen der Hoffnung und Erwartung, die er erregte, gelobt wurde.
Ab hac etiam indole iam illa matura:Von dieser natürlichen Begabung stammen dann jene reiferen Worte:
Vxor generi, noverca filii, filiae paelex.Weib des Eidams, Stiefmutter des Sohnes, Redenbuhlerin der Tochter.
Nec vero hic erat unus ardor in nobis ut hoc modo omnia diceremus.Doch war es nicht allein das Feuer der Rede, das mir zu Gebot stand, sodass ich alles aus diese Weise gesprochen hätte.
Ipsa enim illa [pro Roscio] iuvenilis redundantia multa habet attenuata, quaedam etiam paulo hilariora, ut pro Habito, pro Cornelio compluresque atiae.Denn selbst jene jugendliche Überfülle [die Rede für Roscius] hat viele schmucklose Stellen; manches hat auch einen heiteren Charakter, wie die Rede für den Habitus, für den Cornelius und mehrere andere.
Nemo enim orator tam multa ne in Graeco quidem otio scripsit quam multa sunt nostra, eaque hanc ipsam habent quam probo varietatem.Denn kein anderer Redner, selbst die nicht, welchen die Muße der Griechen vergönnt war, hat so viel geschrieben, wie von mir vorhanden ist, und diese (meine Schriften) haben jene von mir gebilligte Mannigfaltigkeit (des Stils).

Kapitel 31

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An ego Homero, Ennio, reliquis poetis et maxime tragicis concederem ut ne omnibus locis eadem contentione uterentur crebroque mutarent, non numquam etiam ad cotidianum genus sermonis accederent: ipse numquam ab illa acerrima contentione discederem?Oder sollte ich etwa nie von jenem heftigen Eifer ablassen, während ich doch Homer, Ennius und den übrigen Dichtern und am meisten den Tragikern zugestehe, dass sie nicht überall denselben Eifer anwenden, sondern häufig den Ton ändern, bisweilen auch der täglichen Umgangssprache sich nähern?
Sed quid poetas divino ingenio profero?Doch was spreche ich von den gottbegeisterten Dichtern?
Histriones eos vidimus quibus nihil posset in suo genere esse praestantius, qui non solum in dissimillimis personis satis faciebant, cum tamen in suis versarentur, sed et comoedum in tragoediis et tragoedum in comoediis admodum placere vidimus: ego non elaborem?Schauspieler habe ich gesehen, die vorzüglichsten in ihrer Art, die nicht nur in höchst verschiedenen Rollen, wo sie sich dann doch immer noch in ihrem Fach bewegten, befriedigten, sondern Schauspieler der Komödien, die in Tragödien, Schauspieler der Tragödien, die in der Komödie außerordentlichen Beifall fanden, und ich sollte keine Mühe darauf (auf solche Abwechselung) verwenden?
Cum dico me, te, Brute, dico;Wenn ich sage "ich", so meine ich dich, mein Brutus;
nam in me quidem iam pridem effectum est quod futurum fuit;denn aus mir ist längst das geworden, was aus mir werden sollte.
tu autem eodem modo omnis causas ages?Du aber, möchtest du wohl alle Prozesse auf diese Weise führen?
Aut aliquod causarum genus repudiabis?Oder wirst du irgendeine Art von Prozessen zurückweisen?
Aut in isdem causis perpetuum et eundem spiritum sine ulla commutatione obtinebis?Oder wirst du in denselben Prozessen fortdauernd dasselbe Feuer ohne alle Änderung beibehalten?
Demosthenes quidem, cuius nuper inter imagines tuas ac tuorum, quod eum credo amares, cum ad te in Tusculanum venissem, imaginem ex aere vidi, nil Lysiae subtilitate cedit, nihil argutiis et acumine Hyperidi, nil levitate Aeschini et splendore verborum.Demosthenes, dessen Bild aus Erz ich kürzlich unter deinen und der deinigen Ahnenbildern - ich denke, weil du ihn lieb hast — als ich dich auf dem Tusculanum besuchte, gesehen habe, steht bem Lysias an Freiheit, bem Hyperides an geistreicher und scharfsinniger Rede, dem Aeschines an Glätte und Glanz des Ausdrucks in nichts nach.
Multae sunt eius totae orationes subtiles, ut contra Leptinem;Viele seiner Reden gehören ganz der schlichten Gattung an, wie die gegen den Leptines;
multae totae graves, ut quaedam Philippicae;viele ganz der erhabenen, wie einige philippische;
multae variae, ut contra Aeschinem falsae legationis, ut contra eundem pro causa Ctesiphontis.viele sind gemischt, wie die gegen Aeschines wegen trügerischer (unredlicher Geschäftsverwaltung der Gesandtschaft), wie gegen eben denselben die zu seiner eigenen Verteidigung in der Sache des Ktesiphon.
Iam illud medium quotiens vult arripit et a gravissimo discedens eo potissimum delabitur.Ferner, die mittlere Gattung ergreift er, so oft er will, und vorzugsweise gleitet er zu ihr herab, wenn er die erhabene verlässt.
Clamores tamen tum movet et tum in dicendo plurimum efficit, cum gravitatis locis utitur.Er erregt aber den lautesten Beifall und wirkt am meisten mit seiner Rede an den Stellen, in denen er sich der erhabenen Gattung bedient.
Sed ab hoc parumper abeamus, quando quidem de genere, non de homine quaerimus:Doch wir wollen den Demosthenes einstweilen verlassen, weil wir nämlich nach der Gattung, nicht nach der Person fragen;
rei potius, id est eloquentiae vim et naturam explicemus.wir wollen lieber die Bedeutung und das Wesen der Sache, das heißt der Beredsamkeit, entwickeln.
Illud tamen quod iam ante diximus meminerimus, nihil nos praecipiendi causa esse dicturos atque ita potius acturos ut existimatores videamur loqui, non magistri.Dessen jedoch, was ich bereits vorher gesagt, wollen wir eingedenk bleiben, dass ich nichts sagen werde, um Vorschriften zu erteilen, sondern vielmehr so zu verfahren beabsichtige, dass ich als Beurteiler, nicht als Lehrmeister zu sprechen scheine.
In quo tamen longius saepe progredimur, quod videmus non te haec solum esse lecturum, qui ea multo quam nos qui quasi docere videmur habeas notiora, sed hunc librum etiam si minus nostra commendatione, tuo tamen nomine divulgari necesse est.Dabei gehe ich indessen etwas weiter, weil ich erwäge, dass du dieses nicht allein lesen wirst — du kennst dies viel besser als ich, der ich mir die Miene eines Lehrers zu geben scheine — dieses Buch, sage ich, muss notwendig, wenn auch nicht durch meine Empfehlung, doch durch deinen Namen weit verbreitet werden.

Kapitel 32

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Esse igitur perfecte eloquentis puto non eam tantum facultatem habere quae sit eius propria, fuse lateque dicendi, sed etiam vicinam eius ac finitimam dialecticorum scientiam adsumere. Quamquam aliud videtur oratio esse aliud disputatio, nec idem loqui esse quod dicere, ac tamen utrumque in disserendo est: disputandi ratio et loquendi dialecticorum sit, oratorum autem dicendi et ornandi. Zeno quidem ille, a quo disciplina Stoicorum est, manu demonstrare solebat quid inter has artis interesset; nam cum compresserat digitos pugnumque fecerat, dialecticam aiebat eius modi esse; cum autem deduxerat et manum dilataverat, palmae illius similem eloquentiam esse dicebat.Ein vollkommener Redner muss also, wie ich glaube, nicht nur die Fähigkeit besitzen, die ihm eigentümlich ist, fließend und ausführlich zu sprechen, sondern auch die benachbarte und angrenzende Wissenschaft der Dialektiker hinzunehmen. Freilich scheint die Rede etwas anderes als die philosophische Erörterung, und Sprechen nicht dasselbe als Reden zu sein. Beides aber ist im Begriff der Auseinandersetzung der Gedanken enthalten. Die Methode der Gedankenentwicklung und des philosophischen Ausdrucks sei Sache der Dialektiker, die des Schmückens und des rednerischen Ausdrucks die der Redner. Der berühmte Zeno, der Stifter der stoischen Schule, pflegte den Unterschied zwischen diesen beiden Künsten mit seiner Hand zu be zeichnen. Wenn er die Finger zusammenpresste und eine Faust machte, sagte er, so sei die Dialektik; wenn er sie aber auseinanderhielt und die Hand ausbreitete, sagte er, der flachen Hand sei die Beredsamkeit ähnlich.
Atque etiam ante hunc Aristoteles principio artis rhetoricae dicit illam artem quasi ex altera parte respondere dialecticae, ut hoc videlicet differant inter se quod haec ratio dicendi latior sit, illa loquendi contractior. Volo igitur huic summo omnem quae ad dicendum trahi possit loquendi rationem esse notam; quae quidem res, quod te his artibus eruditum minime fallit, duplicem habuit docendi viam. Nam et ipse Aristoteles tradidit praecepta plurima disserendi et postea qui dialectici dicuntur spinosiora multa pepererunt.Und noch vor diesem sagt Aristoteles am Anfange seiner Rhetorik, dass diese Kunst gewissermaßen ein entsprechendes Gegenstück der Dialektik sei, natürlich mit dem Unterschied, dass diese Redekunst mehr in die Breite gehe, die des philosophischen Gespräches enger begrenzt sei. Ich verlange nun, dass diesem vollkommenen Redner die ganze Kunst der philosophischen Erörterung, soweit sie in das Gebiet der Rede gezogen werden kann, bekannt sei. Dieser Gegenstand hat nun, was dir, dem in dieser Kunst Unterrichteten, gewiss nicht entgeht, eine zweifache Methode der Behandlung gefunden. Denn einerseits hat Aristoteles selbst viele Vorschriften für die Entwicklung der Gedanken überliefert, andererseits haben später die sogenannten Dialektiker noch viel spitzfindigere zutage gefördert.
Ego eum censeo qui eloquentiae laude ducatur non esse earum rerum omnino rudem, sed vel illa antiqua vel hac Chrysippi disciplina institutum.Ich meine also, wer nach dem Ruhm der Beredsamkeit strebt, dürfte nicht ganz ohne Kenntnis davon sein, sondern er sei entweder in der Lehre jener alten Schule, oder in der des Chrysippus unterwiesen.
Noverit primum vim, naturam, genera verborum et simplicium et copulatorum; deinde quot modis quidque dicatur; qua ratione verum falsumne sit iudicetur; quid efficiatur e quoque, quid cuique consequens sit quidve contrarium; cumque ambigue multa dicantur, quo modo quidque eorum dividi explanarique oporteat. Haec tenenda sunt oratori —saepe enim occurrunt—, sed quia sua sponte squalidiora sunt, adhibendus erit in his explicandis quidam orationis nitor.Er kenne zuerst die Bedeutung, das Wesen, die Gattung der einzelnen Wörter, wie der Worte in der Verbindung, dann, auf wie viele Arten jedes gesagt werden kann, wie man beurteilt, ob etwas wahr oder falsch sei, was aus jedem Satze geschlossen werden könne, was und womit es folgerichtig und was das widersprechende Gegenteil davon sei, und da viele zweideutige Ausdrücke vorkommen, wie die Begriffe voneinander unterschieden und aufgeklärt werden müssen. Das muss der Redner innehaben, denn es kommt oft vor; aber weil es an sich zu trocken ist, wird er bei der Auseinandersetzung einigen rednerischen Glanz anwenden müssen.

Kapitel 33

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Et quoniam in omnibus quae ratione docentur et via primum constituendum est quid quidque sit—nisi enim inter eos qui disceptant convenit quid sit illud quod ambigitur, nec recte disseri umquam nec ad exitum perveniri potest—, explicanda est saepe verbis mens nostra de quaque re atque involuta rei notitia definiendo aperienda est, si quidem est definitio oratio, quae quid sit id de quo agitur ostendit quam brevissime; tum, ut scis, explicato genere cuiusque rei videndum est quae sint eius generis sive formae sive partes, ut in eas tribuatur omnis oratio.Und da bei allem, was vernunftgemäß und methodisch vorgetragen wird, zuerst der Gegenstand, um den es sich handelt, festgestellt werden muss — denn wenn die Streitenden nicht einig sind,worüber sie streiten, so kann die Sache weder recht erörtert werden noch zu einer Entscheidung gelangen — so muss oft der Sinn, den wir mit etwas verbinden, durch Worte entwickelt und der verhüllte Begriff einer Sache durch Begriffsbestimmung (Definition) deutlich gemacht werden, insofern die Definition ein Ausdruck ist, welcher so kurz wie möglich den Begriff der Sache, um die es sich handelt, darlegt. Hat man nun den Gattungsbegriff einer Sache entwickelt, so hat man, wie du weißt, darauf zu sehen, welches die Arten oder Teile dieser Gattung sind, um unter sie die ganze Rede zu verteilen.
Erit igitur haec facultas in eo quem volumus esse eloquentem, ut definire rem possit nec id faciat tam presse et anguste quam in illis eruditissimis disputationibus fieri solet, sed cum explanatius tum etiam uberius et ad commune iudicium popularemque intellegentiam accommodatius;Die Fähigkeit muss der also haben, der in unserem Sinn ein Redner ist, dass er den Begriff einer Sache zu bestimmen vermag dieses aber nicht so in gedrängter und knapper Weise tun, wie es in jenen sehr gelehrten und (philosophischen) Erörterungen zu geschehen pflegt, sondern sowohl deutlicher als ausführlicher und dem oft gemeinen Menschenverstand und der Forschungskraft der Menge angemessener.
idemque etiam, cum res postulabit, genus universum in species certas, ut nulla neque praetermittatur neque redundet, partietur ac dividet.Derselbe wird auch, wenn der Gegenstand es verlangt, du ganze Gattung in ihre bestimmten Arten so teilen und einteilen, dass keiner übergangen wird, keiner zu viel ist.
Quando autem id faciat aut quo modo, nihil ad hoc tempus, quoniam, ut supra dixi, iudicem esse me, non doctorem volo.Wann oder wie er aber das tut, das gehört nicht hierher, weil ich, wie oben gesagt Kritiker, nicht Lehrer sein will.
Nec vero a dialecticis modo sit instructus et habeat omnis philosophiae notos ac tractatos locos.Und er soll nicht nur in der Dialektik unterrichtet sein, sondern er muss alle Gebiete der Philosophie kennen und sie behandelt haben.
Nihil enim de religione, nihil de morte, nihil de pietate, nihil de caritate patriae, nihil de bonis rebus aut malis, nihil de virtutibus aut vitiis, nihil de officio, nihil de dolore, nihil de voluptate, nihil de perturbationibus animi et erroribus, quae saepe cadunt in causas et ieiunius aguntur, nihil, inquam, sine ea scientia quam dixi graviter ample copiose dici et explicari potest.Denn nichts lässt sich über Religion, über den Tod, über Rechtschaffenheit, über Vaterlandsliebe, über Gutes und Böses, über Tugenden und Laster, über die Pflicht, über Schmerz, über Lust, über Leidenschaften und Verirrungen, was alles häufig in Prozessen vorkommt, aber nüchterner behandelt wird, nichts, sage ich, ohne die erwähnte Kenntnis, mit Nachdruck, umfassend, ausführlich sagen und erklären.

Kapitel 34

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De materia loquor orationis etiam nunc, non de ipso genere dicendi.Ich spreche jetzt noch von dem Stoff der Rede, nicht von der Art der Rede als solcher.
Volo enim prius habeat orator rem de qua dicat, dignam auribus eruditis, quam cogitet quibus verbis quidque dicat [aut quo modo]—quem etiam, quo grandior sit et quodam modo excelsior, ut de Pericle dixi supra, ne physicorum quidem esse ignarum volo.Ich behaupte nämlich, der Redner müsse, ehe er darüber nachdenkt, was, mit welchem Ausdruck und in welcher Weise er sprechen soll, einen Stoff zum Reden haben, der gebildeter Zuhörer würdig ist, und damit er um so größer und gewissermaßen hervorragender sei, wünsche ich, wie ich oben von Perikles erzählt habe, dass er nicht einmal mit der Physik unbekannt sei.
Omnia profecto, cum se a caelestibus rebus referet ad humanas, excelsius magnificentiusque et dicet et sentiet.Denn er wird sicher, wenn er von den himmlischen Dingen auf die menschlichen zurückkommt, erhabener und großartiger sprechen und denken.
Cum illa divina cognoverit, nolo ignoret ne haec quidem humana.Und wenn er sich mit jenen göttlichen Dingen bekannt gemacht hat, soll er auch unserer menschlichen Verhältnisse nicht unkundig sein.
Ius civile teneat, quo egent causae forenses cotidie.Er muss das bürgerliche Recht innehaben, dessen die Behandlungen auf dem Forum täglich bedürfen.
Quid est enim turpius quam legitimarum et civilium controversiarum patrocinia suscipere, cum sis legum et civilis iuris ignarus?Denn was ist schimpflicher, als in Streitigkeiten, die sich auf das Gesetz und das bürgerliche Recht beziehen, eine Verteidigung zu übernehmen, wenn man der Gesetze und des bürgerlichen Rechtes unkundig ist?
Cognoscat etiam rerum gestarum et memoriae veteris ordinem, maxime scilicet nostrae civitatis, sed etiam imperiosorum populorum et regum inlustrium; quem laborem nobis Attici nostri levavit labor, qui conservatis notatisque temporibus, nihil cum inlustre praetermitteret, annorum septingentorum memoriam uno libro conligavit.Auch soll er die Reihenfolge der Tatsachen und was von alters her im Gedächtnis der Menschen aufbewahrt ist (die Geschichte der Vergangenheit), zumeist freilich unseres eigenen Staates, aber auch die Geschichte anderer weithin herrschender (mächtiger) Völker und berühmter Könige kennen, eine Arbeit, welche uns das Werk unserem Atticus erleichtert hat, der mit Beobachtung und Bezeichnung der Zeitfolge, ohne etwas Hervorragendes zu übergehen, die Geschichte von siebenhundert Jahren in einem Buche umfasst hat.
Nescire autem quid ante quam natus sis acciderit, id est semper esse puerum.Denn nicht wissen, was vor unserer Geburt geschehen ist, heißt immer ein Knabe bleiben.
Quid enim est aetas hominis, nisi ea memoria rerum veterum cum superiorum aetate contexitur?Denn was ist das Leben der Menschen, wenn es nicht durch die Erinnerung an die alte Zeit mit dem Leben des Früheren zu einem Ganzen verwebt wird?
Commemoratio autem antiquitatis exemplorumque prolatio summa cum delectatione et auctoritatem orationi adfert et fidem.Die Erwähnung der Vorzeit aber und das Anführen von Beispielen verleiht der Rede nicht nur hohen Reiz, sondern auch Ansehen und Glaubwürdigkeit.
Sic igitur instructus veniet ad causas, quarum habebit genera primum ipsa cognita.So ausgerüstet, wird er an die Prozesse gehen, von denen er zuerst die Hauptgattungen selbst kennen muss.
Erit enim ei perspectum nihil ambigi posse in quo non aut res controversiam faciat aut verba: res aut de vero aut de recto aut de nomine, verba aut de ambiguo aut de contrario.Es wird ihm klar sein, dass über nichts ein Zweifel stattfinden könne, wobei nicht die Sache oder der Ausdruck den Streit veranlasst, die Sache in Betreff des Tatsächlichen oder der sittlichen Beschaffenheit oder des Namens, der Ausdruck in Betreff der Zweideutigkeit oder des Widerspruchs.
Nam si quando aliud in sententia videtur esse aliud in verbis, genus est quoddam ambigui quod ex praeterito verbo fieri solet, in quo quod est ambiguorum proprium res duas significari videmus.Wenn zuweilen etwas anderes in dem Sinne als in dem Ausdruck zu liegen scheint, so ist dieses eine Art Zweideutigkeit, die durch Auslassung eines Wortes zu entstehen pflegt, in welchem Falle, wie wir sehen — und das ist das Eigentümliche des Zweideutigen — ein doppelter Sinn entsteht.

Kapitel 35

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Cum tam pauca sint genera causarum, etiam argumentorum praecepta pauca sunt.Da es so wenig Gattungen von Prozessen gibt, so gibt es auch wenig Vorschriften für die Beweisführung.
Traditi sunt e quibus ea ducantur duplices loci: uni e rebus ipsis, alteri adsumpti.Überliefert ist uns eine doppelte Quelle, aus der die Beweise hergenommen werden, die einen werden aus der Sache selbst, die andern anders woher entnommen.
Tractatio igitur rerum efficit admirabilem orationem;Nun macht aber die Behandlung des Stoffes die Rede bewunderungswürdiger;
nam ipsae quidem res in perfacili cognitione versantur.denn mit dem Stoffe selbst macht man sich leicht bekannt.
Quid enim iam sequitur, quod quidem artis sit, nisi ordiri orationem, in quo aut concilietur auditor aut erigatur aut paret se ad discendum;Was soll denn da ferner noch geschehen, was nämlich Sache der Kunst ist, außer, dass er die Rede so beginne, dass der Zuhörer gewonnen oder gespannt oder lernbegierig werde;
rem breviter exponere et probabiliter et aperte, ut quid agatur intellegi possit;dass er dann die Sache kurz, überzeugend und klar auseinandersetze, sodass man leicht einsieht, um was es sich handelt;
sua confirmare, adversaria evertere, eaque efficere non perturbate, sed singulis argumentationibus ita concludendis, ut efficiatur quod sit consequens eis quae sumentur ad quamque rem confirmandam;dass er dann die eigene Sache stütze, die Gegengründe umstoße, und zwar nicht in untergeordneter Weise, sondern indem er die Beweise so zusammenfasse, dass das Gefolgerte folgerichtig aus den Beweisen hervorgehe, die zur Bekräftigung einer jeden Sache gewählt wurden;
post omnia peroratione inflammantem restinguentemve concludere?dass er nach alledem die Rede so beschließe, dass er die Zuhörer entflamme oder besänftige?
Has partis quem ad modum tractet singulas difficile dictu est hoc loco; nec enim semper tractantur uno modo.Wie er diese einzelnen Teile behandelt, ist schwer zu sagen, denn sie werden nicht immer auf eine Weise behandelt
Quoniam autem non quem doceam quaero, sed quem probem, probabo primum eum qui quid deceat viderit. Haec enim sapientia maxime adhibenda eloquenti est, ut sit temporum personarumque moderator. Nam nec semper nec apud omnis nec contra omnis nec pro omnibus nec cum omnibus eodem modo dicendum arbitror.Weil ich aber nicht jemanden suche, den ich belehren möchte, sondern ein Muster ausstellen will, so sage ich: meinen Beifall hat vorzugsweise der, welcher erkennt, was sich schickt. Denn vor allem ist dem vollendeten Redner diese Weisheit nötig, dass er Zeitumstände und Personen zu lenken versteht. Denn nicht immer, nicht vor allen, nicht gegen alle, nicht für alle, nicht von allen, darf, wie ich glaube, auf dieselbe Weise gesprochen werden.

Kapitel 36

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Is erit ergo eloquens qui ad id quodcumque decebit poterit accommodare orationem.Der also wird ein vollkommener Redner sein, der jedes Mal seine Rede dem anzupassen vermag, was sich schickt.
Quod cum statuerit, tum ut quidque erit dicendum ita dicet, nec satura ieiune nec grandia minute nec item contra, sed erit rebus ipsis par et aequalis oratio.Sobald er sich das ausgestellt hat, wird er alles vortragen, wie es vorgetragen werden muss, nicht einen reichhaltigen Gegenstand dürftig, nicht das Großartige kleinlich, noch auch umgekehrt, sondern die Rede wird dem Gegenstand selbst angemessen und gleich sein.
Principia verecunda, nondum elatis incensa verbis, sed acuta sententiis vel ad offensionem adversarii vel ad commendationem sui.Der Anfang bescheiden, nicht durch erhabene Worte in Feuer gesetzt, sondern scharf in den Gedanken, teils um den Gegner in missfälligem Lichte zu zeigen, teils um sich selbst zu empfehlen.
Narrationes credibiles nec historico sed prope cotidiano sermone explicatae dilucide.Die Erzählung (des Tatbestandes) glaubwürdig, nicht im historischen Stil, sondern beinahe in der gewöhnlichen Umgangssprache klar und deutlich.
Dein si tenuis causa est, tum etiam argumentandi tenue filum et in docendo et in refellendo, idque ita tenebitur, ut quanta ad rem tanta ad orationem fiat accessio.Ferner, wenn der Gegenstand der schlichten Gattung angehört, dann wird auch der Faden der Beweisführung schlicht sein, sowohl, wenn er für seine Sache den Beweis gibt, als auch, wenn er den Gegner widerlegt, und dieser Faden wird in der Haltung so fortlaufen, dass in eben dem Verhältnis wie die Sache steigt, auch der Ausdruck steige.
Cum vero causa ea inciderit in qua vis eloquentiae possit expromi, tum se latius fundet orator, tum reget et flectet animos et sic adficiet ut volet, id est ut causae natura et ratio temporis postulabit.Wenn aber ein Fall vorkommt, bei welchem die Macht der Beredsamkeit hervortreten kann, dann wird sich der Redner in breiterem Strom ergießen, dann wird er die Gemüter beherrschen und lenken, und in die Stimmung versetzen, die er wünscht, das heißt, welche die Natur der Sache und das Verhältnis der Zeit erfordern wird.
Sed erit duplex eius omnis ornatus ille admirabilis, propter quem ascendit in tantum honorem eloquentia.Jener ganz bewundernswürdige Schmuck aber, durch welchen die Beredsamkeit zu so hoher Ehre gelangt, wird ein doppelter sein.
Nam cum omnis pars orationis esse debet laudabilis, sic ut verbum nullum nisi aut grave aut elegans excidat, tum sunt maxime luminosae et quasi actuosae partes duae:Denn wenn auch jeder Teil der Rede lobenswert sein muss, so dass (dem Redner) kein Wort entfallen soll, das nicht würdig oder geschmackvoll ist, so sind doch zwei Gebiete ganz besonders licht- und wirkungsvoll;
quarum alteram in universi generis quaestione pono, quam, ut supra dixi, Graeci appellant thesin, alteram in augendis amplificandisque rebus, quae ab isdem auxesis est nominata.für das eine halte ich die Behandlung der Sache vom allgemeinen Standpunkt, welches die Griechen, wie oben gesagt, [griechisches Wort] nennen, für das andere die Vergrößerung und Hervorhebung des Gegenstandes, von eben denselben [griechisches Wort] genannt.
Quae etsi aequabiliter toto corpore orationis fusa esse debet, tamen in communibus locis maxime excellet; qui communes sunt appellati eo quod videntur multarum idem esse causarum, sed proprii singularum esse debebunt.Obwohl nun diese Letztere gleichmäßig; über den ganzen Körper der Rede sich verbreiten muss, so wird sie doch am meisten bei allgemeinen Betrachtungen hervortreten, welche allgemeine genannt werden, weil die Nämlichen vielen Gegenständen anzugehören scheinen; aber sie werden doch jedem besonderen Gegenstand angepasst werden müssen.
At vero illa pars orationis, quae est de genere universo, totas causas saepe continet.Dagegen umfasst das Gebiet der Rede, welches die gesamte Gattung betrifft, oft ganze Prozesse.
Quicquid est enim illud in quo quasi certamen est controversiae, quod Graece krinomenon dicitur, id ita dici placet, ut traducatur ad perpetuam quaestionem atque uti de universo genere dicatur, nisi cum de vero ambigitur, quod quaeri coniectura solet.Denn was auch immer der Gegenstand sein mag, in welchem ein Streitpunkt vorhanden ist, den die Griechen [griechisches Wort] nennen, trägt man ihn gern so vor, dass er auf eine allgemeine Frage zurückgeführt und von der ganzen Gattung gesprochen wird, ausgenommen wenn es sich um die Wirklichkeit einer Tatsache handelt, wobei nach der Mutmaßung untersucht zu werden pflegt.
Dicetur autem non Peripateticorum more—est enim illorum exercitatio elegans iam inde ab Aristotele constituta—, sed aliquanto nervosius et ita de re communia dicentur, ut et pro reis multa leniter dicantur et in adversarios aspere.Doch wird der Redner nicht nach der Weise der Peripatiker sprechen — denn seit Aristoteles besteht ihre feine Art Übung — sondern weit kraftvoller, und in Bezug auf den bestimmten Fall wird er in der Art Allgemeines bringen, dass er für den Angeklagten vieles mit milden, gegen die Gegner mit harten Worten vorbringt.
Augendis vero rebus et contra abiciendis nihil est quod non perficere possit oratio;Durch Vergrößerung aber oder durch Herabsetzung des Gegenstandes kann die Rede alles ausrichten;
quod [et] inter media argumenta faciendum est quotiescumque dabitur vel amplificandi vel minuendi locus, et paene infinite in perorando.und dieses muss teils mitten in der Beweisführung geschehen, so oft Gelegenheit gegeben wird, etwas zu erheben oder zu verkleinern, teils fast ohne Beschränkung am Schlusse der Rede.

Kapitel 37

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Duo restant enim, quae bene tractata ab oratore admirabilem eloquentiam faciunt.Zweierlei gibt es, was, wenn der Redner es gut anwendet, die Beredsamkeit bewunderungswürdig macht.
Quorum alterum est, quod Graeci ethikon vocant, ad naturas et ad mores et ad omnem vitae consuetudinem accommodatum;Das eine ist das, was die Griechen ''das Ethische'' nennen, was den verschiedenen Naturen und Charakteren und der ganzen Lebensgewohnheit angemessen ist;
alterum, quod idem pathetikon nominant, quo perturbantur animi et concitantur, in quo uno regnat oratio.das andere ist das, was eben dieselben "das Pathetische" nennen, wodurch die Gemüter leidenschaftlich bewegt und aufgeregt werden und worin die Rede vorzugsweise mächtig ist.
Illud superius come iucundum, ad benevolentiam conciliandam paratum;Jenes erste ist gefällig, angenehm, geschickt Wohlwollen zu erwerben;
hoc vehemens incensum incitatum, quo causae eripiuntur: quod cum rapide fertur, sustineri nullo pacto potest.dieses ist heftig, feurig, hinreißend, entwindet in Rechtssachen den Gegnern den Sieg, und wenn es reißend (wie ein reißender Strom) dahinfährt, kann man durchaus nicht widerstehen.
Quo genere nos mediocres aut multo etiam minus, sed magno semper usi impetu saepe adversarios de statu omni deiecimus. Nobis pro familiari reo summus orator non respondit Hortensius; a nobis homo audacissimus Catilina in senatu accusatus obmutuit; nobis privata in causa magna et gravi cum coepisset Curio pater respondere, subito adsedit, cum sibi venenis ereptam memoriam diceret.In dieser Gattung bin ich nur mittelmäßig, oder noch viel weniger, doch habe ich mit der Heftigkeit, mit der ich immer angriff, die Gegner oft aus ihrer ganzen festen Stellung geworfen. Mir konnte der große Redner Hortensius für die ihm befreundeten Angeklagten nicht antworten, der verwegenste Mensch, Catilina, verstummte, als er im Senat von mir angeklagt wurde, und als Curio, der Vater, in einer großen und wichtigen Privatsache mir zu antworten begann, setzte er sich plötzlich hin, indem er sagte, das Gedächtnis sei ihm durch Zaubermittel entschwunden.
Quid ego de miserationibus loquar? Quibus eo sum usus pluribus quod, etiam si plures dicebamus, perorationem mihi tamen omnes relinquebant; in quo ut viderer excellere non ingenio sed dolore adsequebar. Quae qualiacumque in me sunt—me [enim] ipsum paenitet quanta sint—, sed apparent in orationibus, etsi carent libri spiritu illo, propter quem maiora eadem illa cum aguntur quam cum leguntur videri solent.Was soll ich erst über die Erregungen von Mitleid sprechen, ein Mittel, dessen ich mich um so häufiger bedient habe, weil, auch wenn wir mehrere als Redner in einer Sache auftraten, mir doch alle die Schlussrede überließen. Dass ich aber darin für ausgezeichnet galt, erreichte ich nicht sowohl durch meinen Geist, als durch mein schmerzliches Mitgefühl. Doch welcher Art auch meine Leistungen hierin sein mögen — ich selbst bin damit unzufrieden — so treten sie doch in den Reden hervor, obschon sie des belebenden Hauches ermangeln, durch welchen eben dasselbe, wenn es vorgetragen wird, größer zu erscheinen pflegt, als wenn man es liest.

Kapitel 38

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Nec vero miseratione solum mens iudicum permovenda est—qua nos ita dolenter uti solemus ut puerum infantem in manibus perorantes tenuerimus, ut alia in causa excitato reo nobili, sublato etiam filio parvo, plangore et lamentatione complerimus forum—, sed est faciendum etiam ut irascatur iudex mitigetur, invideat faveat, contemnat admiretur, oderit diligat, cupiat fastidiat, speret metuat, laetetur doleat; qua in varietate duriorum accusatio suppeditabit exempla, mitiorum defensiones meae.Doch nicht durch Mitleid allem muss das Herz der Richter bewegt werden — ich pflege mich hierbei solcher Rührung zu überlassen, dass ich am Schluss einer Rede ein unmündiges Kind auf die Arme nahm, in einer andern Sache einen vornehmen Angeklagten hervortreten ließ, auch seinen kleinen Sohn in die Höhe hob und das Forum mit Trauer und Wehklage erfüllte — sondern man muss auch dahin wirken, dass der Richter in Zorn gerate, dass er besänftigt werde, dass er Neid, Zuneigung, Verachtung, Bewunderung, Hass, Liebe, Verlangen und Überdruss fühle, dass er hoffe, fürchte, fröhlich sei, Schmerz empfinde. Von allen diesen mannigfaltigen Empfindungen bieten meine Reden Beispiele, von den härteren meine Anklagereden, von den milderen meine Verteidigungsreden.
Nullo enim modo animus audientis aut incitari aut leniri potest, qui modus a me non temptatus sit,—dicerem perfectum, si ita iudicarem, nec in veritate crimen arrogantiae extimescerem; sed, ut supra dixi, nulla me ingeni sed magna vis animi inflammat, ut me ipse non teneam; nec umquam is qui audiret incenderetur, nisi ardens ad eum perveniret oratio. Vterer exemplis domesticis, nisi ea legisses, uterer alienis vel Latinis, si ulla reperirem, vel Graecis, si deceret. Sed Crassi perpauca sunt nec ea iudiciorum, nihil Antoni, nihil Cottae, nihil Sulpici; dicebat melius quam scripsit, Hortensius.Denn es gibt keine Art, das Gemüt des Zuhörers aufzuregen oder zu besänftigen, die nicht von mir versucht worden ist — ich würde sagen, die nicht von mir in vollendeter Weise angewendet worden, wenn ich so urteilte, und würde, wenn es Wahrheit wäre, die Beschuldigung der Anmaßung nicht fürchten — aber, wie ich oben sagte, nicht die Macht des Geistes, sondern ein mächtiger Drang des Gemütes entflammt mich, dass ich mich selbst nicht halten kann. Auch könnte der Zuhörer nie in Feuer gesetzt werden, wenn die Rede nicht feurig an ihn heranträte. Ich würde Beispiele aus meinen eignen Reden anführen, wenn du sie nicht gelesen hättest; ich würde Fremde anführen, von Römern, wenn ich welche finden könnte, von Griechen, wenn es sich ziemte. Aber von Crassus gibt es sehr wenige, und zwar solche, die nicht der gerichtlichen Beredsamkeit angehören, nichts von Antonius, nichts von Cotta, nichts von Sulpicius. Hortensius pflegte besser zu sprechen, als er geschrieben hat.
Verum haec vis, quam quaerimus, quanta sit suspicemur, quoniam exemplum non habemus, aut si exempla sequimur, a Demosthene sumamus et quidem perpetuae dictionis ex eo loco unde in Ctesiphontis iudicio de suis factis, consiliis, meritis in rem publicam adgressus est dicere.Wie groß diese Kraft aber ist, nach der wir forschen, können wir nur vermuten, weil wir kein Beispiel haben, oder, wenn wir einem Beispiel folgen wollen, es von Demosthenes entnehmen, und zwar aus einem fortlaufenden, ununterbrochenen Vortrag, an der Stelle, wo er in dem Prozess des Ctesiphon von feinen eigenen Taten, Plänen, Verdiensten um den Staat zu sprechen beginnt.
Ea profecto oratio in eam formam quae est insita in mentibus nostris includi sic potest, ut maior eloquentia ne requiratur quidem.Diese Rede passt in der Tat in das Ideal, welches in unserem Geiste ruht, dass wir nach einer größeren Beredsamkeit nicht zu suchen brauchen.

Kapitel 39

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Sed iam forma [ipsa] restat et charakter ille qui dicitur;Doch es bleibt nun die eigentliche Form und der sogenannte [griechisches Wort] (Charakter) übrig;
qui qualis esse debeat ex his quae supra dicta sunt intellegi potest.wie dieser beschaffen sein müsse, lässt sich aus dem oben Gesagten erkennen.
Nam et singulorum verborum et conlocatorum lumina attigimus;Denn die glänzenden Redefiguren, welche die einzelnen Worte und die Worte in ihrer Verbindung darbieten, haben wir berührt;
quibus sic abundabit, ex ore nullum nisi aut elegans aut grave exeat, ex omnique genere frequentissimae translationes erunt, quod eae propter similitudinem transferunt animos et referunt ac movent huc et illuc, qui motus cogitationis celeriter agitatus per se ipse delectat.er wird sie so reichlich anwenden, dass kein Wort, welches nicht geschmackvoll oder gewichtig ist, aus seinem Munde komme, und unter allen Arten wird er die Übertragungen am häufigsten anwenden, weil sie wegen der Ähnlichkeit den Geist (der Zuhörer) hin- und hertragen und hierhin und dorthin bewegen, eine Gedankenbewegung, die schnell ausgeführt an sich schon erfreut.
Et reliqua ex conlocatione verborum quae sumuntur quasi lumina magnum adferunt ornatum orationi;Die übrigen Figuren, die aus den Worten in ihrer Verbindung gewonnen werden, verleihen der Rede großen Schmuck;
sunt enim similia illis quae in amplo ornatu scaenae aut fori appellantur insignia, non quia sola ornent, sed quod excellant.sie sind nämlich den Gegenständen ähnlich, welche bei der kostbaren Ausschmückung der Bühne oder des Forums Prachtstücke genannt werden, nicht weil sie allein Schmuck verleihen, sondern weil sie hervorstechen.
Eadem ratio est horum quae sunt orationis lumina et quodam modo insignia: cum aut duplicantur iteranturque verba aut leviter commutata ponuntur, aut ab eodem verbo ducitur saepius oratio aut in idem conicitur aut utrumque, aut adiungitur idem iteratum aut idem ad extremum refertur aut continenter unum verbum non in eadem sententia ponitur; aut cum similiter vel cadunt verba vel desinunt; aut cum sunt contrariis relata contraria; aut cum gradatim sursum versus reditur; aut cum demptis coniunctionibus dissolute plura dicuntur; aut cum aliquid praetereuntes cur id faciamus ostendimus; aut cum corrigimus nosmet ipsos quasi reprehendentes; aut si est aliqua exclamatio vel admirationis vel questionis; aut cum eiusdem nominis casus saepius commutantur.Dasselbe Verhältnis ist bei folgenden Figuren und gleichsam Prachtstücken der Rede, wenn Worte verdoppelt oder wiederholt ober mit geringer Änderung wieder angebracht werden; oder wenn man mit einem und demselben Worte öfter die Rede anfängt oder mit demselben Worte endet, oder wenn beides geschieht, oder wenn dasselbe Wort am Anfange oder am Ende wiederholt wird, oder wenn unmittelbar nacheinander ein Wort nicht in demselben Sinne gebraucht wird, oder wenn die Worte ähnliche Biegung oder ähnlichen Schluss haben, oder wenn mehrere Gegensätze einander gegenübergestellt werden, oder wenn man Schritt für Schritt nach aufwärts zurücksteigt, oder wenn man ohne Bindewörter mehreres lose hinstellt; oder wenn wir etwas übergehen und erklären, warum wir dieses tun, oder wenn wir uns selbst gleichsam tadelnd verbessern; oder wenn man in einem Ausruf der Verwunderung oder der Klage ausbricht; oder mit dem Kasus desselben Wortes häufig wechselt.
Sed sententiarum ornamenta maiora sunt;Größer aber ist der Schmuck, der von den Gedanken ausgeht.
quibus quia frequentissime Demosthenes utitur, sunt qui putent idcirco eius eloquentiam maxime esse laudabilem.Weil Demosthenes von diesen sehr häufig Gebrauch macht, glauben einige, seine Beredsamkeit sei deshalb vorzugsweise lobenswert gewesen.
Et vero nullus fere ab eo locus sine quadam conformatione sententiae dicitur; nec quicquam est aliud dicere nisi omnis aut certe plerasque aliqua specie inluminare sententias:Und in der Tat, fast kein Gegenstand wird von ihm ohne harmonische Gestaltung des Gedankens vorgetragen, und Reden heißt nichts anderes, als über alle oder wenigstens über die meisten Gedanken durch eine gewisse Gestaltung ein schönes Licht verbreiten;
quas cum tu optime, Brute, teneas, quid attinet nominibus uti aut exemplis?wozu soll ich Namen und Beispiele anführen, da du, mein Brutus, so wohl damit bekannt bist?
Tantum modo notetur locus.Es genügt, auf die Fundstätte hinzuweisen.

Kapitel 40

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Sic igitur dicet ille, quem expetimus, ut verset saepe multis modis eadem et una in re haereat in eademque commoretur sententia; saepe etiam ut extenuet aliquid, saepe ut inrideat;Der Redner, wie wir ihn wünschen, wird also so sprechen, dass er ein und dieselbe Sache aus mancherlei Weise zu wenden versteht, bei einem Gegenstand aushält und bei demselben Gedanken verweilt; dass er oft auch etwas verkleinert, oft etwas spöttisch behandelt;
ut declinet a proposito deflectatque sententiam;dass er vom Hauptgegenstand abschweift und den Gedanken anders wohin richtet;
ut proponat quid dicturus sit;dass er den Satz, über den er sprechen will, ankündigt;
ut, cum transegerit iam aliquid, definiat;dass er den Begriff der Sache, wenn er sie zu Ende geführt hat, feststellt;
ut se ipse revocet;dass er sich selbst zu seiner Ausgabe zurückruft;
ut quod dixit iteret;dass er das Gesagte wiederholt;
ut argumentum ratione concludat;dass er den Beweis in einen Vernunftschluss einkleidet;
ut interrogando urgeat;dass er durch Fragen den Gegner in die Enge treibt,
ut rursus quasi ad interrogata sibi ipse respondeat;dass er wieder auf die scheinbaren Fragen sich selbst antwortet;
ut contra ac dicat accipi et sentiri velit;dass er im entgegengesetzten Sinne dessen, was er spricht, aufgefasst und verstanden sein will;
ut addubitet ecquid potius aut quo modo dicat;dass er sich zweifelhaft zeigt, was er zuerst sagen oder wie er es sagen soll;
ut dividat in partis;dass er die Gedanken zergliedert;
ut aliquid relinquat ac neglegat;dass er etwas übergeht und unberücksichtigt lässt;
ut ante praemuniat;dass er sich im voraus zu schützen sucht;
ut in eo ipso in quo reprehendatur culpam in adversarium conferat;dass er gerade in dem, worin er getadelt wird, die Schuld auf den Gegner schiebt.
ut saepe cum eis qui audiunt, non numquam etiam cum adversario quasi deliberet;Dass er oft mit dem Zuhörer, zuweilen auch mit dem Gegner gewissermaßen in Beratung tritt;
ut hominum sermones moresque describat;dass er die Gespräche und den Charakter der Menschen schildert;
ut muta quaedam loquentia inducat;dass er auch Stummes redend einführt,
ut ab eo quod agitur avertat animos;dass er die Gemüter von dem, um was es sich handelt, abwendet;
ut saepe in hilaritatem risumve convertat;dass er sie oft zur Heiterkeit oder zum Lachen stimmt,
ut ante occupet quod videatur opponi;dass er die Einwürfe, die er voraussieht, vorwegnimmt;
ut comparet similitudines;dass er Vergleichungen aufteilt,
ut utatur exemplis;Beispiele anführt;
ut aliud alii tribuens dispertiat;dass er verschiedene Rollen austeilt;
ut interpellatorem coerceat;dass er den, der ihn unterbrechen will, zurückweist;
ut aliquid reticere se dicat;dass erklärt, er verschweige etwas;
ut denuntiet quid caveant; ut liberius quid audeat;dass er warnt, wovor man sich zu hüten habe, dass er ein freimütiges Wort wage;
ut irascatur etiam, ut obiurget aliquando;dass er zornig wird, zuweilen auch schilt,
ut deprecetur,dass er durch Bitten etwas abwendet,
ut supplicet,dass er durch Bitten etwas zu erreichen sucht,
ut medeatur;dass er etwas wieder gut macht,
ut a proposito declinet aliquantum;dass er etwas von der Sache abschweift,
ut optet, ut exsecretur;dass er Wünsche und Verwünschungen ausspricht,
ut fiat eis apud quos dicet familiaris.dass er vertraulich wird mit den Zuhörern.
Atque alias etiam dicendi quasi virtutes sequetur:Auch noch andere gute Eigenschaften der Rede wird er zuerreichen suchen;
brevitatem, si res petet;Kürze, wenn die Sache es erfordert;
saepe etiam rem dicendo subiciet oculis;oft wird er auch in der Rede den Gegenstand anschaulich vor Augen stellen;
saepe supra feret quam fieri possit;oft übertreiben, soviel es geschehen kann;
significatio saepe erit maior quam oratio: saepe hilaritas, saepe vitae naturarumque imitatio.oft wird er mehr andeuten als in der Rede ausführen, oft Heiterkeit zeigen, oft das Leben und Natur der Menschen nachbilden.
Hoc in genere—nam quasi silvam vides—omnis eluceat oportet eloquentiae magnitudo.Hierin — denn du siehst hier gleichsam das Bauholz — muss alle Größe der Beredsamkeit zum Vorschein kommen.

Kapitel 41

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Sed haec nisi conlocata et quasi structa et nexa verbis ad eam laudem quam volumus aspirare non possunt.Aber wenn hierbei die Worte nicht richtiggestellt, planvoll aufgebaut und ineinandergefügt sind, kann der Ruhm, den wir vor Augen haben, nicht erstrebt werden.
De quo cum mihi deinceps viderem esse dicendum, etsi movebant iam me illa quae supra dixeram tamen eis quae sequuntur perturbabar magis.Indem ich nun, wie ich sehe, im Verlauf der Rede über diesen Punkt sprechen muss, ergreifen mich zwar noch die vorher ausgesprochenen Bedenken, noch mehr aber werde ich durch das folgende beunruhigt.
Occurrebat enim posse reperiri non invidos solum, quibus referta sunt omnia, sed fautores etiam laudum mearum, qui non censerent eius viri esse, de cuius meritis senatus tanta iudicia fecisset comprobante populo Romano quanta de nullo, de artificio dicendi litteris tam multa mandare.Wiederholt drängte sich mir dabei der Gedanke auf, es möchten sich nicht nur unter meinen Neidern, deren es überall eine große Anzahl gibt, sondern auch unter den Gönnern meines Ruhmes manche finden, welche es für nicht angemessen halten, dass ein Mann, über dessen Verdienst der Senat ein so ehrenvolles Urteil, wie über keinen andern, mit Zustimmung des römischen Volks ausgebrochen hat, soviel über die Theorie der Beredsamkeit schreibe.
Quibus si nihil aliud responderem nisi me M. Bruto negare roganti noluisse, iusta esset excusatio, cum et amicissimo et praestantissimo viro et recta et honesta petenti satis facere voluissem.Wenn ich diesen nichts anderes antwortete, als dass ich dem Marcus Brutus auf seine Bitte keine abschlägige Antwort geben wollte, so wäre dieses eine hinlängliche Entschuldigung, da ich dem besten Freund und dem vortrefflichsten Mann, der Billiges und Ehrenvolles von mir verlangt, Genüge leisten wollte.
Sed si profiterer—quod utinam possem! —Me studiosis dicendi praecepta et quasi vias quae ad eloquentiam ferrent traditurum, quis tandem id iustus rerum existimator reprehenderet?Wenn ich aber erklärte — ich wünschte, ich könnte es — dass ich denjenigen, die das Streben haben, Redner zu werden, Vorschriften geben und gleichsam die Wege, die zur Beredsamkeit führen zeigen werde, welcher billige Beurteiler wird dieses wohl tadeln?
am quis umquam dubitavit quin in re publica nostra primas eloquentia tenuerit semper urbanis pacatisque rebus, secundas iuris scientia?Wer hat je gezweifelt, dass in unserem Staat die Beredsamkeit immer, vorausgesetzt, dass in Rom Friede war, den ersten Rang, den zweiten die Rechtskenntnis behauptet hat?
Cum in altera gratiae, gloriae, praesidi plurimum esset, in altera praescriptionum cautionumque praeceptio, quae quidem ipsa auxilium ab eloquentia saepe peteret, ea vero repugnante vix suas regiones finisque defenderet.Denn die Erstere verschafft großen Einfluss, Ruhm und Schutz, die andere gibt die Rechtsbelehrung in Prozessen und Verträgen und sucht selbst oft Hilfe bei der Beredsamkeit, da sie, wenn diese ihr nicht zur Seite steht, kaum ihren Bezirk und ihre Grenzen zu verteidigen vermag.
Cur igitur ius civile docere semper pulchrum fuit hominumque clarissimorum discipulis floruerunt domus: ad dicendum si quis acuat aut adiuvet in eo iuventutem, vituperetur?Warum also ist es immer rühmlich gewesen, das bürgerliche Recht zu lehren, und waren die Häuser der vortrefflichsten Männer durch Schüler geehrt, wenn aber jemand die Jugend zur Beredsamkeit anfeuert, oder ihr dabei behilflich ist, der sollte getadelt werden?
Nam si vitiosum est dicere ornate, pellatur omnino e civitate eloquentia;Denn wenn es tadelhaft ist, zierlich zu reden, so verweise man die Beredsamkeit überhaupt aus dem Staate.
sin ea non modo eos ornat penes quos est, sed etiam iuvat universam rem publicam, cur aut discere turpe est quod scire honestum est aut quod posse pulcherrimum est id non gloriosum est docere?Wenn sie aber nicht nur die schmückt, die sie besitzen, sondern auch den ganzen Staat, warum sollte es schimpflich sein, das zu lernen, was zu kennen ehrenvoll ist, oder warum sollte es nicht ehrenvoll sein zu lehren, was zu kennen sehr schön ist?

Kapitel 42

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At alterum factitatum est, alterum novum.Aber, sagt man, das eine ist häufig betrieben worden, das andere ist neu!
Fateor; sed utriusque rei causa est.Das gebe ich zu, aber beides hat seinen Grund.
Alteros enim respondentes audire sat erat, ut ei qui docerent nullum sibi ad eam rem tempus ipsi seponerent, sed eodem tempore et discentibus satis facerent et consulentibus;Es genügt nämlich, die Ersten zu hören, wenn sie Rechtsbescheid erteilen, sodass die Lehrer sich zu diesem Zweck keine Zeit bestimmten, sondern zu gleicher Zeit die Lernenden und die, welche ihn zu Rat zogen, befriedigten.
alteri, cum domesticum tempus in cognoscendis componendisque causis, forense in agendis, reliquum in sese ipsis reficiendis omne consumerent, quem habebant instituendi aut docendi locum?Welche Gelegenheit aber zu Unterweisung oder Unterricht hatten die anderen, da sie die Zeit, welche sie zu Hause zubrachten, auf das Studieren und Bearbeiten der Prozesse, die Zeit auf dem Forum auf die Führung derselben, die ganze übrige Zeit auf ihre Erholung verwendeten?
Atque haud scio an plerique nostrorum oratorum [contra atque nos] ingenio plus valuerint quam doctrina;Und vielleicht haben die meisten unserer Redner sich mehr durch die geistige Begabung als durch wissenschaftliche Bildung ausgezeichnet.
itaque illi dicere melius quam praecipere, nos contra fortasse possumus.Darum konnten sie besser sprechen als unterrichten, ich kann vielleicht umgekehrt besser lehren.
At dignitatem docere non habet.Aber, sagt man, Lehren verträgt sich nicht mit der Würde!
Certe, si quasi in ludo;— Gewiss, wenn es wie in der Schule getrieben wird;
sed si monendo, si cohortando, si percontando, si communicando, si interdum etiam una legendo, audiendo, nescio [cur] cum docendo etiam aliquid aliquando [si] possis meliores facere, cur nolis?aber wenn es so geschieht, dass man erinnert, mahnt, fragt, mitteilt, bisweilen gemeinschaftlich liest, gemeinschaftlich hört, so weiß ich nicht, warum man nicht unterrichten wollen sollte, da man doch dadurch zuweilen (andere) einigermaßen vervollkommnen kann?
An quibus verbis sacrorum alienatio fiat docere honestum est, [ut est]: quibus ipsa sacra retineri defendique possint non honestum est?Oder ist es ehrenvoll — wie es wirklich der Fall ist — zu lehren, mit welcher Formel man sich von den gemeinschaftlichen Heiligtümern lossagt, mit welchen Worten aber die Heiligtümer selbst behauptet und verteidigt werden können, soll nicht ehrenvoll sein?
At ius profitentur etiam qui nesciunt; eloquentiam autem illi ipsi qui consecuti sunt tamen ea se valere dissimulant." Propterea quod prudentia hominibus grata est, lingua suspecta. Num igitur aut latere eloquentia potest aut id quod dissimulat effugit aut est periculum ne quis putet in magna arte et gloriosa turpe esse docere alios id quod ipsi fuerit honestissimum discere?Aber, (wendet man ein), Rechtskenntnis nehmen auch die in Anspruch, die nichts davon verstehen, in der Beredsamkeit aber tüchtig zu sein, verleugnen selbst die, welche sie erlangt haben, weil praktische Einsicht den Menschen angenehm, Geläufigkeit im Reden aber verdächtig ist. - Aber kann denn die Beredsamkeit verborgen bleiben, ober bleibt das, was sie (zu verstehen) verheimlicht, unbeachtet? Oder ist etwa Gefahr vorhanden, dass jemand glauben könnte, es sei schimpflich, in einer großen und ruhmvollen Kunst andere in dem zu belehren, was ihm selbst ehrenvoll war zu lernen?
Ac fortasse ceteri tectiores;Die anderen nun sind vielleicht etwas vorsichtiger;
ego semper me didicisse prae me tuli.ich aber habe es immer an den Tag gelegt, dass ich studiert habe.
Qui enim possem, cum [et] afuissem domo adulescens et horum studiorum causa maria transissem et doctissimis hominibus referta domus esset et aliquae fortasse inessent in sermone nostro doctrinarum notae cumque vulgo scripta nostra legerentur, dissimulare me didicisse?Wie könnte ich auch, da ich schon als Jüngling von zuhause entfernt war und um dieser Studien willen über das Meer gegangen bin, da ferner mein Haus voll von wissenschaftlich gebildeten Männern ist, vielleicht auch in meiner Unterhaltung manche Zeichen gelehrter Kenntnisse hervortreten und meine Schriften allgemein gelesen werden, verheimlichen, dass ich studiert habe?
Quid [erat cur] probarem nisi quod parum fortasse profeceram?Welche Ursache hätte ich, das zu missbilligen, außer dass ich vielleicht nicht weit genug darin fortgeschritten bin?

Kapitel 43

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Quod cum ita sit, tamen ea quae supra dicta sunt plus in disputando quam ea de quibus dicendum est dignitatis habuerunt.Obschon sich nun aber dieses so verhält, hatte dennoch das früher Erwähnte in der wissenschaftlichen Erörterung größeren Wert, als das, was ich nun zu sagen habe.
De verbis enim componendis et de syllabis prope modum dinumerandis et dimetiendis loquemur;Denn ich werde von der Zusammenstellung der Worte und vom fast Zählen und Messen der Silben sprechen.
quae etiam si sunt, sicuti mihi videntur, necessaria, tamen fiunt magnificentius quam docentur.Obgleich dieses nun, wie mir scheint, notwendig ist, wird es doch mit mehr Ansehen ausgeübt als gelehrt.
Est id omnino verum, at proprie in hoc dicitur.Es ist dieses im Allgemeinen wahr, findet aber ganz besonders hier seine Anwendung.
Nam omnium magnarum artium sicut arborum altitudo nos delectat, radices stirpesque non item; sed esse illa sine his non potest.Denn bei allen bedeutenden Wissenschaften ergötzt uns, wie bei den Bäumen, die Höhe, nicht ebenso Wurzel und Stamm, und doch kann ohne Wurzel und Stamm jene Höhe nicht vorhanden sein.
Me autem sive pervulgatissimus ille versus, qui vetat artem pudere proloqui quam factites, dissimulare non sinit qui delecter, sive tuum studium a me hoc volumen expressit, tamen eis quos aliquid reprehensuros suspicabar respondendum fuit.Ich aber, sei es nun, dass jener allbekannte Vers, welcher verbietet, "sich zu schämen, zu einer Kunst, die man betreibt, sich zu bekennen, nicht zugibt, dass ich verleugne, meine Freude daran zu haben, sei es, dass dein Eifer mir dieses Buch abgenötigt hat, musste doch denen antworten, die, wie ich vermute, etwas zu tadeln haben werden.
Quod si ea quae dixi non ita essent, quis tamen se tam durum agrestemque praeberet qui hanc mihi non daret veniam, ut cum meae forenses artes et actiones publicae concidissent, non me aut desidiae, quod facere non possum, aut maestitiae, cui resisto, potius quam litteris dederem?Wenn es aber auch sich nicht so verhielte, wie ich sagte, wer würde sich dennoch so hart und ungebildet zeigen, da meine Beschäftigung auf dem Forum und meine staatsmännische Wirksamkeit gänzlich darniederliegen, mir nicht zu gestatten, dass ich mich nicht der Untätigkeit, was ich nicht vermag, noch dem Kummer, dem ich zu widerstehen suche, sondern vielmehr den Wissenschaften hingebe?
Quae quidem me antea in iudicia atque in curiam deducebant, nunc oblectant domi;Dasselbe nämlich, das mich früher ins Gericht und in die Curie begleitete, ergötzt mich jetzt zu Hause.
nec vero talibus modo rebus qualis hic liber continet, sed multo etiam gravioribus et maioribus; quae si erunt perfectae, profecto maximis rebus forensibus nostris [et externis] inclusae [et domesticae] litterae respondebunt.Und nicht nur solchen Gegenständen (widme ich mich) wie sie diese Schrift enthält, sondern auch weit wichtigeren und größeren, nach deren Vollendung auch unsere wissenschaftliche Privattätigkeit unseren Leistungen aus dem Forum gewiss entsprechen werden.
Sed ad institutam disputationem revertamur.Doch wir wollen zu der begonnenen Untersuchung zurückkehren.

Kapitel 44

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Conlocabuntur igitur verba, aut ut inter se quam aptissime cohaereant extrema cum primis eaque sint quam suavissimis vocibus, aut ut forma ipsa concinnitasque verborum conficiat orbem suum, aut ut comprehensio numerose et apte cadat. Atque illud primum videamus quale sit, quod vel maxime desiderat diligentiam, ut fiat quasi structura quaedam nec tamen fiat operose; nam esset cum infinitus tum puerilis labor; quod apud Lucilium scite exagitat in Albucio Scaevola: quam lepide lexis compostae ut tesserulae omnes arte pavimento atque emblemate vermiculato!Zusammengestellt müssen die Worte so werden, dass entweder die Endsilbe (des einen Wortes) mit der Anfangssilbe (des folgenden Wortes) aufs Genaueste zusammengefügt untereinander zusammenhängen und dadurch den angenehmsten Wohlklang haben, oder dass die Gestalt der Worte selbst mit ihrer Gliederung eine Abrundung bewirken, oder dass die Periode rhythmischen und abgeschlossenen Tonfall hat. 'Wir wollen nun zuerst jene erste Forderung betrachten, wie es sich mit ihr verhält, sie verlangt am meisten Aufmerksamkeit. Es soll nämlich eine gewisse Zusammenfügung stattfinden, und doch darf dieses nicht mühsam geschehen, denn das wäre sowohl eine endlose als kindische Arbeit, was auch Scaevola bei Lucilius an Albucius witzig tadelt: ,,Wie niedlich sind deine Phrasen zusammengestellt, wie kleine Mosaiksteinchen, alle kunstgemäß im Estrich verteilt und mit bunt gewürfelten Bildern in ihrer Mitte.
Nolo haec tam minuta constructio appareat;So ins Kleinliche gehend darf diese Zusammenstellung sich nicht zeigen;
sed tamen stilus exercitatus efficiet facile formulam componendi.doch wird eine geübte Feder diese Weise in der Stellung der Worte leicht zu erreichen wissen.
Nam ut in legendo oculus sic animus in dicendo prospiciet quid sequatur, ne extremorum verborum cum insequentibus primis concursus aut hiulcas voces efficiat aut asperas.Denn wie bei dem Lesen das Auge, so wird der Geist beim Sprechen vorausblicken auf das, was folgen wird, damit nicht das Aneinanderstoßen des Ausgangs der Worte mit dem Anfange der folgenden einen hassenden oder harten Klang hervorbringe.
Quamvis enim suaves gravesque sententiae tamen, si in condite positis verbis efferuntur, offendent auris, quarum est iudicium superbissimum.Denn so anmutig und nachdrucksvoll auch die Gedanken sein mögen, so verletzen sie doch, wenn sie mit regellos verbundenen Worten vorgetragen werden, das Ohr, dessen Urteil ein sehr strenges ist.
Quod quidem Latina lingua sic observat, nemo ut tam rusticus sit qui vocalis nolit coniungere.Und dieses beobachtet die lateinische Sprache so genau, dass niemand so ungebildet ist, dass er nicht die Vokale zusammenzuziehen suchte.
In quo quidam etiam Theopompum reprehendunt, quod eas litteras tanto opere fugerit, etsi idem magister eius Isocrates fecerat;In diesem Punkt tadeln einige sogar den Theopompos, dass er solche Buchstaben (die einen Hiatus veranlassen) mit so großem Eifer vermeidet, obgleich sein Lehrer Isokrates dasselbe getan hat.
at non Thucydides, ne ille quidem haud paulo maior scriptor Plato nec solum in eis sermonibus qui dialogoi dicuntur, ubi etiam de industria id faciendum fuit sed in populari oratione, qua mos est Athenis laudari in contione eos qui sint in proeliis interfecti;Thukydides dagegen verneint den Hiatus nicht, auch nicht einmal der viel größere Schriftsteller Plato, und zwar nicht nur in den Reden, welche 'Dialoge' genannt werden, wo er es mit Absicht tun musste, sondern auch in einer Rede vor dem Volke, in welcher, wie es in Althen Sitte ist, die in der Schlacht Gefallenen öffentlich gefeiert wurden.
quae sic probata est, ut eam quotannis, ut scis, illo die recitari necesse sit.Diese Rede hat solchen Beifall gefunden, dass sie jährlich, wie du weißt, an dem bekannten Tag vorgelesen werden muss.
In ea est crebra ista vocalium concursio, quam magna ex parte ut vitiosam fugit Demosthenes.In dieser kommt jenes Zusammentreffen der Vokale, welches Demosthenes großenteils als fehlerhaft vermeidet, häufig vor.

Kapitel 45

LateinDeutsch
Sed Graeci viderint;Doch das mögen die Griechen beurteilen.
nobis ne si cupiamus quidem distrahere voces conceditur.Uns ist es, selbst wenn wir wollten, nicht gestattet, die Vokale auseinanderzuhalten.
Indicant orationes illae ipsae horridulae Catonis, indicant omnes poetae praeter eos qui, ut versum facerent, saepe hiabant, ut Naevius: vos, qui accolitis Histrum fluvium atque algidam et ibidem:Das zeigen selbst jene schmucklosen Reden des Cato, das zeigen alle Dichter, nur die ausgenommen, welche oft, um einen Vers zustande zu bringen, den Hiatus zuließen, wie Naevius ''Vos qui accolitis Histrum fluvium atque algidam" und eben daselbst:
quam numquam vobis Grai atque barbari."quam numquam vobis Grai atque barbari";
At Ennius saepe Scipio invicte, et semel quidem nos:Ennius aber nur einmal: "Scipio invicte", und ebenso ich:
hoc motu radiantis etesiae in vada ponti."Hoc motu radiantis Etesiae in vada ponti".
Hoc idem nostri saepius non tulissent, quod Graeci laudare etiam solent.Eben dasselbe, was die Griechen sogar zu loben pflegten, hätten unsere Landsleute öfter nicht ertragen.
Sed quid ego vocalis?Doch was rede ich von Vokalen?
Sine vocalibus saepe brevitatis causa contrahebant, ut ita dicerent:Auch ohne Vokale zog man oft der Kürze wegen zusammen, sodass man sagte:
multi' modis, in vas' argenteis, palmi' crinibus, tecti' fractis."multi modis", "vas argenteis", "palm et crinibus", "tecti fractis".
Quid vero licentius quam quod hominum etiam nomina contrahebant, quo essent aptiora?Was zeigt nun erst größere Freiheit, als dass man selbst Namen von Menschen zusammenzog, damit sie geschlossener werden?
Nam ut duellum bellum, [et] duis bis, sic Duellium cum qui Poenos classe devicit Bellium nominaverunt, cum superiores appellati essent semper Duellii.Denn so wie man aus "duellum" "bellum, aus "duis" "bis" machte, so nannte sie den "Duellius", welcher die Punier mit einer Flotte besiegt hat, "Bellius", obgleich die Früheren immer Duellius genannt worden waren.
Quin etiam verba saepe contrahuntur non usus causa sed aurium.Ja, oft sogar werden Worte nicht des Nutzens, sondern des Wohlklangs wegen zusammenzogen.
Quo modo enim vester Axilla Ala factus est nisi fuga litterae vastioris?Denn wie wäre aus euerm Axilla Ala geworden, wenn nicht, um den breiteren (unschönen) Laut zu vermeiden?
Quam litteram etiam e maxillis et taxillis et paxillo et vexillo consuetudo elegans Latini sermonis evellit.Diesen Buchstaben tilgte auch der feinere Gebrauch der lateinischen Sprache in maxilla, taxillus, vexillum, pauxillum.
Libenter etiam copulando verba iungebant, ut sodes pro si audes, sis pro si vis.Gern vereinigte man auch Worte durch Zusammensetzung, wie "sodes" für si audes, "sis" für si vis.
Iam in uno capsis tria verba sunt.In dem einen Wort "capsis" sind sogar drei Wörter enthalten,
Ain pro aisne, nequire pro non quire, malle pro magis velle, nolle pro non velle, dein etiam saepe et exin pro deinde et pro exinde dicimus."ain" sagen wir für aisne, "nequire" für non quire, "malle" für magis velle, "nolle" für non velle; oft auch "dein" und "exin" für deinde und exinde.
Quid, illud non olet unde sit, quod dicitur cum illis, cum autem nobis non dicitur, sed nobiscum?Und merkt man nicht, woher es kommt, dass man zwar cum illis, nicht aber cum nobis, sondern nobiscum sagt?
Quia si ita diceretur, obscaenius concurrerent litterae, ut etiam modo, nisi autem interposuissem, concurrissent.Weil, wenn man so sagen würde, Buchstaben mit unanständigem Klang zusammentreffen würden, wie sie eben jetzt zusammengetroffen wären, wenn ich nicht autem dazwischengesetzt hätte.
Ex eo est mecum et tecum, non cum me et cum te, ut esset simile illis nobiscum atque vobiscum.Darum sagt man mecum und tecum, nicht cum me und cum te, damit es dem vobiscum und nobiscum ähnlich sei (entspreche).

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